César Aira: Die nächtliche Erleuchtung des Staatsdieners Varamo

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Letzte Woche habe ich mich mit dieser Novelle beschäftigt, um einen zugesagten Beitrag für wilde-leser.de und den “Argentinischen Juli” zu schreiben. Ich kannte weder César Aira noch “Die nächtliche Erleuchtung des Staatsdieners Varamo”. Ein kleiner Griff in meine antiquarische Buchecke gibt mir Anlass zu einem Vergleich. Vor langer Zeit, 1919, als man Globetrotter noch Weltenbummler nannte, hat der deutsche Reiseabenteurer Kurt Faber, den man ja vielleicht eigentlich gar nicht zitieren sollte, weil er politisch zumindest so weit rechts stand, dass er in der Mitte der Zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts der NSDAP beigetreten ist, von seiner Reise 1910/11 in Argentinien berichtet. Er schreibt:

Argentinien ist heute die große Mode im deutschen Vaterland. Die Zahl der Bücher über Argentinien wird immer größer, und zahllos ist die Schar der Agenten, die heute landauf, landab durch Deutschland ziehen und den vielen, … das neue Land der unbegrenzten Möglichkeiten in den glühendsten Farben schildern. So kommt nun dieses Buch gewissermaßen mitten hinein in diese argentinische Hochsaison.”

Das ist seinem Buch “Dem Glücke nach durch Südamerika” entnommen. Mit der längst veralteten Botschaft dieses Buches will ich mich gar nicht auseinandersetzen, aber diese Beschreibung einer Buchhochsaison Argentiniens vor fast einem Jahrhundert zeigt mir, das manche Dinge damals eben nicht so viel anders waren als heute. Bücher aus dem Ehrengastland Argentinien der Frankfurter Buchmesse 2010, wird man sich an sie erinnern? Das Vergessen der Menschen ist grenzenlos. Bücher sind nichts als der Staub, aus denen neue Bücher werden. Das Zeitalter des Buchdrucks geht seinem Ende entgegen. Bücher werden nur noch digital erscheinen und der vorhandene papierne Rest steht in musealen Bibliotheken für Bibliophile. Nur der Bildschirm hat eine Zukunft, so sehr man das auch bedauern mag. Ob man sich an die skurrilen, phantastischen Erzählungen César Airas in ein paar Jahrzehnten überhaupt noch erinnert, wer weiß das schon. Diese Erzählung des brillanten, surreal-realistisch und überaus intelligent erzählenden Argentiniers, der das Schreiben als ein Experiment versteht, das Neues sucht, habe ich jedenfalls mit Genuss gelesen. Meinen ausführlicheren Aufsatz ”Fiktion und Falschgeld” findet man >>>>> hier:

Neuere Bücher von César Aira:

Aira, César
Gespenster
Aus dem Spanischen von Klaus Laabs
Ullstein, August 2010 – ISBN 978-3-550-08824-7
Über den Dächern von Buenos Aires feiert Patri mit ihren Eltern Silvester. Freunde kommen hinzu, die den Ort – den Rohbau eines Hochhauses – mehr als reizvoll finden. In der fröhlichen Runde wird gegrillt, gegessen und gelacht. Und niemand stört sich an den ungewöhnlichen Gästen: drei Geister, nackte Männer, sichtbar gemacht durch den Baustaub. Patri ist fasziniert von ihnen. Verkörpern sie doch das Andere, das Neue. Die Warnungen ihrer Mutter schlägt sie in den Wind. Soll sie sich mit ihnen in die Dunkelheit der Nacht stürzen? Ein eindringlicher Roman über die Grenzen der Konvention und den Preis des Unkonventionellen.

Aira, César
Die nächtliche Erleuchtung des Staatsdieners Varamo
Aus dem Spanischen von Matthias Strobel
Wagenbach, April 2010 – ISBN 978-3-8031-2636-8
Varamo, einem Schreiber dritten Ranges, wird im Ministerium von Colón in Panama sein Monatslohn in Falschgeld ausgezahlt. Er kann das Geld nicht ausgeben, weil er sofort verhaftet würde, und widmet sichdaher zunächst dem Einbalsamieren von Kleintieren, bevor er in der Stadt einen Kaffee trinken geht. Dort wird er Zeuge eines Autounfalls, trifft eine rätselhafte junge Dame sowie ein paar Verleger, für die er in nur einer Nacht das Versepos »Der Gesang des jungfräulichen Kindes« verfasst.

Aira, César
Die Nächte von Flores
Aus dem Spanischen von Klaus Laabs
Claassen, 2009 – ISBN 978-3-546-00445-9
Flores war immer eines der besseren Viertel von Buenos Aires. Doch die Wirtschaftskrise trifft schließlich auch seine Bewohner. Aldo und Rosa versuchen das Beste aus dieser Situation zu machen. Ein Freund vermittelt ihnen einen Job bei einem Pizza-Lieferservice. Bald schon kennt sie ganz Flores. Wer sonst ist schon nachts zu zweit und zu Fuß unterwegs? Und dabei immer freundlich. Aldo und Rosa lernen aber auch die dunkle Seite der Krise kennen: Familien, die obdachlos geworden sind, randalierende Jugendbanden, herumirrende Alte und Kinder. Die Entführung des kleinen Jonathan stellt das Viertel schließlich auf eine harte Probe.

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