DER DICHTER, SEINE KONKURRENZ UND SEIN LEIDEN (Zur Erzählung “Enrique Martin” von Roberto Bolaño)

Telefongespraeche

14 Erzählungen des chilenischen Schriftstellers umfasst dieses 2008 erschienene Taschenbuch, in dem sich Bolaño einmal mehr als ein Meister der Erzählkunst erweist. Seine Geschichten handeln von gescheiterten Schriftstellern, verletzbaren und verletzenden Frauen, von der Hilflosigkeit, auch am Telefon, wenn man schweigt. Sie handeln, natürlich, von ihm selbst, vom Tod und es gelingt ihm immer, ein ganzes Leben in wenige Seiten zu packen. Diese kurzen Erzählungen sind ein guter Einstieg in den Kosmos Bolaño, den es damals vor etwa neun Jahren noch zu entdecken galt, auch für mich mit all den neuen Übersetzungen, die anschließend im Hanser-Verlag erschienen. Ich schrieb 2009 drei Beiträge über die Erzählungen “Enrique Martin”, “Zellengenossen” und “Clara” für das Weblog zwei666.de, die ich hier noch einmal separat einstelle, bevor sie vielleicht ganz verloren gehen:

Inhalt
Der chilenische Schriftsteller Arturo Belano lernt mit 22 Jahren in Barcelona den spanischen Schriftsteller Enrique Martin kennen. Er betrachtet ihn als zweitrangigen Dichter, der schlechte Lyrik schreibt und nur eine Ausgabe des literarischen „fanzine“ „Blanker Strick“ herauszugeben schafft und Belanos Stolz verletzt, weil er die Gedichte Belanos nicht veröffentlicht. Man verliert sich zunächst aus den Augen und bei einem erneuten Treffen vermeidet er, ihm seine wahre Meinung über seine Arbeit zu sagen. E.M. lädt den Erzähler und seine mexikanische Freundin, sowie seine eigene Lebensgefährtin ins Restaurant ein. Der Erzähler ist entsetzt über eine von beiden betriebene Zeitschrift, die sich mit Parapsychologie und Ufos beschäftigt und auch sprachlich lächerlich schlecht ist. Man hört lange Zeit nichts voneinander, bis der Erzähler merkwürdige Briefe erhält, die in einer kryptischen Zahlenreihe den Ort einer Buchpräsentation beschreiben, zu der der Erzähler gar nicht erschienen ist. Später besucht die Titelfigur den Erzähler und übergibt ihm ein Paket, das er für ihn aufbewahren soll. Enriques Zustand zeigt Anzeichen einer Psychose. Der Erzähler erfährt zwei Jahre später, dass Enrique geschieden ist und mit seiner Exfrau befreundet noch eine Buchhandlung betreibt. Ein weiterer Brief zeugt von der sich verschlechternden Psychose bei E.M, von dessen Selbstmord, er hat sich erhängt, Belano eher beiläufig erfährt. Beim Öffnen des ihm hinterlassenen Pakets, finden sich darin 50 Seiten Gedichte. Der Erzähler schläft schlecht und glaubt fliehen zu müssen.

Interpretation

Schon der erste Satz** birgt Ironie, aber auch fast ein religiöses Postulat, von dem uns Bolano vielleicht letztlich überzeugen will. Bolano widmet diese Erzählung einem spanischen, befreundeten Schriftstellerkollegen,
Enrique Vila-Matas, dessen letzten Roman er für gut hielt.*  Vielleicht ist der Titel selbst auch wiederum  eine Referenz an den peruanischen Schriftsteller Enrique Congrains Martin, der 2009 starb. Ein weiterer, nach Meinung des Erzählers guter spanischer Schriftsteller, wird ebenfalls gleich auf der ersten Seite erwähnt: Miguel Hernández. Aber das bringt mich zu einem Problem, das ich mit dieser Erzählung habe. Sie hinterlässt bei mir den Nachgeschmack des Stocherns im eigenen Milieu mit einer zum Teil überheblichen Grundhaltung, trotz der mitfühlenden Beschreibung des gescheiterten Lebens eines bestenfalls mittelmäßigen Lyrikers, der psychisch erkrankt Selbstmord begeht. Das bekannte Alter Ego Arturo Belano hat ein wie auch immer entstandenes schlechtes Gewissen. Einen aus seiner Sicht wenig begabten katalanischen Lyriker, der sich auch noch bei einer pseudowissenschaftlichen Zeitschrift sein Brot verdiente und ihn bei der Herausgabe der einzigen Nummer der Literaturzeitschrift „Blanker Strick“ überging, gilt sein Versuch einer posthumen Wiedergutmachung, denn der „Kollege“ begeht Selbstmord, wie man schon unschwer nach 2 Seiten am „prophetischen Titel“ (S. 41) der Zeitschrift ahnen kann. Der Erzähler fühlt sich von diesem Lyriker und gescheiterten Journalisten eher verfolgt, findet zu seinem Erstaunen aber keine kryptischen Zahlenspiele eines psychisch Erkrankten, sondern Gedichte in dem Stapel Papiere, den ihm Enrique Martin zur Verwahrung übergab, vielleicht auch in der Hoffnung auf eine zu spät kommende Anerkennung des Erzählers. Das Sujet des Literaturbetriebes ist aber bei weitem nicht so interessant wie hier vorausgesetzt wird. Die Selbstreflexivität von Literatur ist zwar auch in „2666“ ein Hauptthema, aber nicht ohne Grund von Schriftstellern und dem Literaturbetrieb chronisch überschätzt. Bolano hatte eine entschiedene Meinung über den Stellenwert eines Schriftstellers***.  Das Idol unserer „Fangemeinde“ schreibt stilistisch gekonnte Prosa über vermeintlich schlechte Dichter, begibt sich aber bei aller Betroffenheit doch in die Position eines Richters. Ein Manko der Literatur außerhalb und innerhalb ihrer selbst. Der Schriftsteller selbst ist hier das Thema, der Himmel der Literatur aber ist nicht schwarzweiß. Eine Hierarchie bleibt letztlich eine des persönlichen Geschmacks. Aber ich weiß auch, dass dies nicht die Meinung der intellektuell beflissenen Literaturkritik ist. Wer kennt sie nicht, die schleimige Spur der Literaturkritik, die das Herzblut der Schriftsteller in die rationale Welt ihres Literaturverständnisses zu transponieren glaubt. Muss ich den amerikanischen Lyriker Frank O´Hara (S. 42) kennen um eine Anspielung in Klammern (der Kommentar in Klammern ist ein erzählerisches Element bei Bolano) überhaupt zu verstehen? Gedichte werden bei Bolano erwähnt, leider habe ich noch kein Gedicht von ihm gelesen. In seinen Erzählungen meidet er sie, das Entblößende der Lyrik hat ihm wohl zu viel Gefühl und stört beim narrativen, spielerisch ironischen Versteckspiel. Der Leser soll auf der Fährte bleiben, nicht vom Gefühl überwältigt werden. Man muss neidvoll anerkennen, dass Bolano dies auf höchstem Niveau gelingt und ich fange an, diese Erzählungen zu lieben, weil man sich so schön an ihnen reiben muss. Aber leider hält auch der Tod Enriques den Erzähler nicht von einem ironischen Urteil über seine Lyrik ab. Enrique schrieb nur „im Stil von Miguel Hernández“ etc. (eine weitere Anspielung auf Enrique Vila-Matas?). Die Wahrheit des literarischen Horizonts steckt in der Beschreibung des Augenblicks, als beide Schriftsteller merken, dass sie nicht in der Lage sind, ehrlich zueinander zu sein. Ein persönliches Problem, kein literarisches! Fiktion und Leben sind eben doch zwei unterschiedliche Dinge. Auch die gekonnte Mischung hebt diesen Widerspruch nicht auf, ihn zu beschreiben gelingt Bolano immer. Eine meisterlich erzählte Étude, ein Klavierstück über „zweitklassige Revolverhelden“ (s. 40) wie mich.

ZITATE

Folglich seien alle Lebewesen des Planeten Erde Exilanten“ (S. 52)

Die Mexikanerin (die purer Sprengstoff war)“ (S. 44)

Seine Beharrlichkeit (eine blinde unkritische Beharrlichkeit wie bei den zweitklassigen Revolverhelden, die unter den Kugeln des echten Helden sterben wie die Fliegen, aber in selbstmörderischer Manier ihr Ziel verfolgen) machte ihn letztlich sympathisch, umgab ihn mit einer Art literarischem Heiligenschein, den nur junge Dichter und alte Huren zu schätzen wissen.“

*    Roberto Bolano: „Exil im Niemandsland“. Stern in der Ferne S. 138 ff.

**  „Ein Dichter kann alles ertragen“ (S. 39)

*** Stern in der Ferne. Interview