Lars Gustafsson: Elegie auf einen Labrador

Gustafsson_Jahrhunderte

Von meinen Tieren habe ich gelernt, mich in andere Lebewesen hineinzuversetzen. Das Zauberwort Empathie. Die Würde auch im unverständlich Fremden zu erkennen scheint mir der einzige Weg für ein friedliches Neben- oder Miteinander. Der schwerste Augenblick ist es, wenn wir einen Freund begraben müssen, sei er nun Tier oder Mensch. Deshalb heute ein Gedicht von Lars Gustafsson übersetzt von Hans Magnus Enzensberger, zwei mittlerweile alten Herren, die zwar nicht für ihre Lyrik bekannt, denen sie aber doch stets wichtig war.

Elegie auf einen Labrador 

Mitten im Sommer gibt es bei uns Tage,
an denen es plötzlich Herbst ist.
Die Krähen im Baum schlagen schärfere Töne an.
Die Klippen ragen deutlicher aus dem See als sonst.
Sie wissen etwas. Sie haben es immer gewußt.
Wir auch, doch wollen wir nichts davon wissen.
Auf dem Heimweg bist du oft am Bug gestanden,
an solchen Abenden, hast den Gerüchen nachgespürt,
die übers Wasser kamen, mit ruhig gesammelten Blick,
den Abend entziffert, die schwache Rauchfahne
eines Sommerhauses, den Pfannkuchen, der irgendwo
drei Kilometer weiter briet, einen Dachs bemerkt,
der ich weiß nicht wo in der Dämmerung stand
und etwas witterte, ganz wie du. Unsere Freundschaft
war natürlich ein Kompromiß: wir lebten zusammen
in zwei verschiedenen Welten, der meinigen
mit ihren Buchstaben, einem lebenslänglichen Text,
und der deinen mit ihren Gerüchen. Ich hätte viel
für deine Kenntnisse gegeben, für dein Vermögen,
ein Gefühl wie Eifer, Haß oder Liebe wie eine Welle
über den ganzen Körper hinlaufen zu lassen
von der Nase bis zum Schwanz, für deine Unfähigkeit,
dich damit abzufinden, daß der Mond eine Tatsache ist.
Bei Vollmond hast du dich lauthals darüber beklagt.
Als Gnostiker warst du mir überlegen, und somit
hast du dauernd im Paradies gelebt. Auch pflegtest du
Schmetterlinge aufzuschnappen im Sprung und sie dann
hinunterzuschlucken. Abstoßend fanden manche das.
Mir gefiel es. Warum habe ich es dir darin
nie gleichtun können? Und dann die Türen!
Waren sie zu, so legtest du dich hin und schliefst ein;
irgend jemand würde sie sicherlich öffnen,
früher oder später. Du hattest recht. Ich hatte unrecht.
Heute, da diese lange, stumme Freundschaft vorbei ist
für immer, frage ich mich, ob auch ich am Ende
etwas konnte, was dir imponiert hat. Ich meine nicht
deinen festen Glauben, daß ich es war, der die Gewitter
hervorrief. Das war ein Wahn. Ich denke eher,
mein sichres Gefühl dafür, daß der Ball vorhanden war,
auch wenn er sich hinter dem Sofa versteckt hielt,
hat dir eine Ahnung verschafft von meiner Welt.
Fast alles in meiner Welt hält sich versteckt
hinter etwas anderem. Ich nannte dich  “Hund”.
Ich frage mich ganz im Ernst: Hast du mich wohl
für einen größern, lauteren “Hund” gehalten,
oder für etwas anderes, etwas für immer Unbekanntes,
das einfach ist, was es ist, und existiert
auf seine Weise und damit basta: den Pfiff
durch den nächtlichen Park, dem zu folgen
man sich angewöhnt hat ohne so recht zu wissen,
was das ist, dem man folgt. Und ich
wußte ebensowenig von dir und davon, was du warst.
Von diesem objektiveren Standpunkt aus
waren wir zwei Organismen, zwei jener Orte,
an denen das Universum sich in sich selber
verknotet, verwickelt, kurzlebige, komplexe Strukturen
aus Eiweiß, die sich immer weiter verheddern müssen,
um zu überleben, bis das Ganze versagt
und sich wieder vereinfacht, der Knoten sich löst,
das Rätsel verschwindet. Du warst eine Frage,
gerichtet an eine andere Frage, sonst nichts,
und keine von beiden konnte der andern Antwort geben.

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