Julio Cortàzar: Rayuela III

Lektüreeindrücke, Umschlag, Zeichnung, Wegweiser, Anfangszitate, Titel  und Motto des 1. Teils 

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Als ob die bunten Buchstaben vom Himmel auf die Erde oder in die Hölle fallen, blickt mich der Umschlag des 645 Seiten dicken Taschenbuches des Suhrkamp Verlages an. Bei der Dicke kann das nur ein Roman sein, aber trotzdem handlich. Der Umschlag strahlt visuelle Poesie aus, hier wird mit Text gespielt, verweist schon das Äußere auf das auf den Leser wartende Spiel im Innern, das man leicht nehmen kann oder auch nicht. Die beiden Namen muten zunächst befremdlich an, strotzen vor Vokalen und eins der vier “a” schreibt sich mit einem “accent aigu”. Zuerst konnte ich diesen spanisch-argentinischen Namen auch nicht richtig betonen. Den Titel assoziiere ich mit dem französischen “rayon” und ein Mädchenname verbirgt sich ja auch darin: Alea. Wenn wir das Buch nach dem Titelblatt aufschlagen, finden wir eine schwarzweiße Zeichnung, die das “Himmel und Hölle-Spiel” darstellt, als ob es auf die Steine einer Pariser Straße gezeichnet worden wäre. Vielleicht kommt man ja beim Lesen in den Himmel, denke ich mir und blättere weiter. Die obige Skizze erscheint, ein Wegweiser. Da will mir doch tatsächlich der Autor sagen in welcher Reihenfolge ich sein Buch lesen sollte. Ist das ein Vorschlag oder maßt er sich etwa an, mir Vorschriften zu machen? Aber der Kapitelnummerierung am Ende sehe ich doch an, wohin das führt: 131-58-131, tatsächlich, in eine Schleife, Gefangener der Zeit, ewig Lesender.
Die beiden Zitate der folgenden zwei Seiten, einmal das Zitat des Abt Martinus aus einer antiquarisch anmutenden Ausgabe einer Moralschrift mit Bibelauszügen in Madrid 1797 erschienen, und einem Buchzitat des argentinischen kritisch-humoristischen César Bruto, eine Art analphabetische Parodie, stehen mir in einem Widerspruch. Universelle Moral katholischer Art schon vorgedacht für alle kommenden Philosophien und die sozialkritischen, poetisch-rustikalen Äußerungen, die eine Freiheit noch in der Armut reklamieren, jedoch auch vor dem Laster warnen. Ich neige mehr zur “Deckeneration der Moral”, Moral lässt sich nicht erlesen, Moral gewinnt man durch Erfahrung.
Auch nicht einfach zu verstehen und erst durch die Lektüre des Nachwortes leichter einzuordnen, ist das dem ersten Teil der insgesamt drei Teile des Romans vorangestellte Motto von Jaques Vaché, ein Freund des Surrealisten André Breton:

”Nichts bringt einen Menschen so gründlich um wie der Zwang, für ein Land geradezustehen.”

Ich dachte zunächst schlicht, ein pazifistischer Satz gegen Nationalismus und Krieg. Das Nachwort macht aber auch den Zusammenhang mit der Biographie Cortàzars klar, der sich vom peronistischen Argentinien abwandte und zum Kosmopoliten wurde.
Das waren meine nachgeholten Bemerkungen zu den Anfangsseiten vor dem eigentlichen Text. Morgen soll es mit Kapitel 3 und 84 weitergehen. Ein Zwischenruf noch: Leichte Kost ist Rayuela nicht. Der Roman selbst, aber auch ihn zu lesen, ist eine Herausforderung und hat etwas von einem Experiment.

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