Julio Cortàzar: Rayuela IV

Leseeindrücke, Kapitel 3 und 84

Cortazar

In den frühen Morgenstunden einer Nacht von Sonntag auf Montag, nachdem er mit der Maga zusammen ein Haydnquartett gehört hatte, philosophiert Oliveira über sich selbst, die Liebe und Gott und die Welt. Er leidet an Schlaflosigkeit, ein Brief seines Bruders aus Argentinien lässt ihn über sich selbst grübeln, als würde er sich von außen betrachten. Es wird ein selbstkritisches Verorten ohne Ergebnis. Beinahe Verachtung empfindet er über die argentinische Mittel- und Bildungsbürgerschicht, die sich ”durch rasches und gieriges Anhäufen von „Bildung“ einen Schutzwall bauen” und berufliche Spezialisierung als argentinisch empfindet. Aber er selbst stammt aus dieser Schicht, ist auf das Elitegymnasium Colegio Nacional in Buenos Aires gegangen (an dem Cortàzar als Lehrer tätig war). Er hat sie satt, die bildungsbürgerlichen Floskeln, die Ismen, das von der eigenen Meinung überzeugt sein, die Verkrustung der Gesellschaft, die sklerotischen Kanäle des Wissens. Er sehnt sich nach Toleranz und intelligentem Zweifel, schwankt aber selbst in einer gewissen unentschlossenen Tatenlosigkeit. Man kann ihn sich vorstellen, rauchend neben der Maga in der Mansarde liegend und auch immer wieder durch die Beispiele in der Literatur gedanklich wandernd, deren heroische Taten ihm in seinem Theoretisieren als Vorwurf dienen. Als die Maga aufwacht, macht sie ihm klar, dass er sich nicht immer selbst zum Bild, zum sich selbst von außen betrachtenden Objekt machen soll:

“Du glaubst, du bist in diesem Zimmer, aber du bist es nicht. Du siehst dir das Zimmer an, du bist nicht im Zimmer.”

Er gibt ihr recht, wie glücklich all jene die in sich selber ruhen, ihm aber bleibt ein Zweifel.

Im Kapitel 84 wird man wieder in das Morelli-Journal geworfen. Das Sich-von Außen-Wahrnehmen, die “Paravisionen”, plagt auch ihn und die Erkenntnis, dass er ständig entscheiden muss, etwas wegzulassen oder sich für eine Blickvariante des Erzählens entscheiden muss. So hat er den Eindruck, den erzählten Dingen würde immer etwas fehlen, der eine Freund sieht die Schönheit gesammelter Laubblätter, der andere ignoriert sie. Wovon soll er erzählen? Er begreift, dass das Leben selbst aus Mangel besteht, “was man nicht kennengelernt hat, das ist man nicht.”Deutsch nicht zu können” ist ein Mangel, den ich gut nachvollziehen kann, ich kann kein Spanisch. Humorvoller Sprachspieler ist Morelli (Cortàzar) auch:

“Dieser Holiveira immer mit seinen Hexempeln.”

Man schrammt in diesem Kapitel an der Existenzphilosophie vorbei, gelegentlich gibt es auch einmal eine Plattitüde wie wenn man Joyce liest, opfere man ein anderes Buch, das man nicht liest und das die Lebenszeit nicht ausreicht, ganze Bibliotheken zu lesen.  Dann aber wird von einem phantastischen Bewusstseinsmoment berichtet, indem er sich den Menschen als Amöbe vorstellt, die ihre geistigen Fühler (Pseudopoden) ausstreckt, kurze und lange Nervenenden, die in der Jugend noch allem offen gegenüber sind, aber im Erwachsensein nur ihre eingerastete Realität wahrnehmen, feste Überzeugungen haben. In dem kurzen Augenblick, in dem man aus sich heraustritt, vereinfacht gesagt, die Welt mit anderen Augen sieht, sein “zerstückeltes Sein” sieht, begreift er dass er “in der ganzen übrigen Wirklichkeit, die ich nicht kenne, vergebens auf mich warte”. Darin findet er sogar eine Definition, warum Goethe ein Klassiker sei, da er seine Fühler so weit in die ganze Welt ausstreckt, dass er an dem, was jenseits dieser Welt sein könnte, kein Interesse haben kann. Das Unbekannte, das Andere, die surreale Wahrnehmung der Welt, wäre aber auch nicht nur eine Sache der Phantasie, sondern es gäbe noch einen “Raum, in dem der kosmische Wind weht, den Rilke über seinem Haupt spürte”.

Ein bisschen anstrengend für mein Bildungsniveau waren diese beiden Kapitel, ich kannte manche Zusammenhänge nicht und musste nachschlagen, z.B. den argentinischen Präsidenten Bartolomé Mitre oder den letzten Herrscher der Inkas Tupac Amarú. Ebensowenig kannte ich den Schriftsteller Jouhandeau oder die indische Stadt Auragabad. Außerdem ist die Kenntnis von etwas Französisch, Italienisch und Latein bei der Lektüre von Vorteil, aber man will ja auch nicht dümmer werden.

Auf eine Kurzrezension in der Frankfurter Rundschau möchte ich noch hinweisen.

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