Julio Cortàzar: Rayuela V

Lektüreeindrücke Kapitel 4 und  71

Apres_le_bal   juliette_greco1
Ramón Casas y Carbo (1866-1932)
”Après le bal” (1895)

Ungefähr so stelle ich sie mir vor, die Dame, die “Rayuela” gleichzeitig und ganz anders liest als ich. Vielleicht sitzt sie aber auch rauchend wie Juliette Greco in einem Pariser Café.
In dieser, meiner Vorstellung ist auch jene Nostalgie enthalten, die Cortàzar in seinen Schilderungen von Paris und der naiv-bezaubernden Maga festzuhalten versucht. Heute sind diese Gassen der Fünfziger Jahre längst museal geworden, der Pariser Tourist goutiert sie wie die Japaner Neuschwanstein. Aber in der Literatur funktioniert eine Beschreibung immer noch wie eine Beschreibung und ich laufe gern durch die Rue de Provence oder durch Saint-Germain-des-Près und sehe in die Innenhöfe vor mehr als fünfzig Jahren, wo

”manchmal eine Statue stand oder ein Geländer mit Efeu oder überhaupt nichts war, nur abgenutztes Kopfsteinpflaster, Moos an den Wänden, das Aushängeschild eines Uhrmachers, ein alter Mann, der in einer Ecke im Schatten saß, und Katzen, immer und unausweichlich die Minouche-Katzen Miaumiau/kitten/kat/chat/cat/gatto, grau und weiß und schwarz und schmutzfarben, Herren der Zeit und der warmen Fliesen, unveränderliche Freunde der Maga, die es verstand, sie am Bauch zu kitzeln und in einer halb einfältigen halb geheimnisvollen Sprache zu ihnen zu reden, mit Verabredungen zu festgelegten Zeiten und Ratschlägen und Hinweisen.”

Cortàzar selbst bedient sich genau dieses Blickes hinter die Dinge, einer der geheimnisvollen Sprache der Katzen ähnlichen Rede, die die Maga versteht, es ist also auch irgendwie ein weiblicher Blick. Lange Sätze fast wie im inneren Monolog bei Joyce, das Wort Katze wird in mehreren Sprachen ausgebreitet, als ließe es sich in einer nicht vollständig verstehen. Obwohl man auch sagen könnte, Cortàzars Figur der Maga charakterisiere gerade einen männlichen Blick auf das eben weiblich Naive. Ein für diese Jahre auch typisches Frauenbild, die knabenhafte, ungestüme, kleine Wilde (etwa wie die von Jean Seberg gespielte Patricia in Jean-Luc Godards Klassiker “Außer Atem”), die die Männer mit ihrer unkonventionellen Art reizt, ist heute wiederum als Klischeebild träumender Männer erkannt und hat so keine Gültigkeit mehr, ähnelt mir aber der dargestellten Maga. Da ich gerade im Blog der oben genannten Dame über Literatur und Geschlechterforschung mitdiskutiere, sage ich hier, dass ich glaube, jeder gute Schriftsteller und jede gute Schriftstellerin hat die Fähigkeit, sowohl den männlichen wie den weiblichen Blick auf die Welt nicht nur imitierend nachzuvollziehen, sondern er oder sie schreibt auch immer über alle Geschlechtergrenzen hinweg. Wobei ich einräumen muss, dass ich diese Fähigkeit nur bei den Großen der (Post-)Moderne, wie Musil, Joyce, Proust, zu denen ich aber auch Cortàzar zählen möchte, wahrgenommen habe.
Der Satz über die Katzen scheint mir auch deshalb interessant, weil in unserem Kulturbild auch heute noch der Frau immer etwas Katzenhaftes zugeschrieben wird. Auch für Cortàzar bleibt “Minouche”, mein Kätzchen, die Maga, immer geheimnisvoll wie die Sphinx, von der Doppelbedeutung “la chatte” einmal abgesehen. Oliveira ist fasziniert von der weiblichen Intuition und begreift, dass seine Frage, was diese eigentlich sei, ihn schon beim Fragen selbst disqualifiziert. Die Maga wird als in Literatur und Philosophie ungebildet dargestellt, in Oliveiras intellektuellem “Schlangen-Club” ist sie aber scheinbar gerade deshalb akzeptiert.

“Aber was hatte sie im Kopf, sagte sich Oliveira. Luft oder Maismehl… Im Kopf hatte sie ihre Mitte nicht.”

So bewundert sich das jeweilige Geschlecht gegenseitig, Oliveira die Magie der Maga und Maga das literarische Wissen Oliveiras und seiner Freunde. Am Ende dieses Kapitels bekommen wir noch eine Selbstbeschreibung des Buches geliefert, das wir gerade lesen. Der von allen bewunderte Schriftsteller Morelli will

“aus seinem Buch eine Kristallkugel machen, wo Mikro- und Makrokosmos sich vereinigen in einer Vision, die sie gleichwohl vernichtete.”  – Man kann dir das unmöglich erklären, sagte Etienne. [zur Maga] Das ist der Baukasten Nr. 7 und du bist kaum bei Nr. 2.”

Das scheint ein postmodernes Buch werden zu sollen und so liefert uns Cortàzar hier auch einen Hinweis auf ein Buch, das er selber später schreiben sollte: “62/Modellbaukasten”.

Beim Hüpfsprung in das 71. Kapitel wird jetzt spätestens klar, das Morelli-Arbeitsjournal spiegelt immer die vorn ablaufende Erzählung als baukastenartiges erzählerisches Konzept, eine Art theoretische Skizze. Zentraler Begriff dieses Kapitels ist das “Tausendjährige Reich” aus dem “Mann ohne Eigenschaften” von Robert Musil, in das die Liebe des Geschwisterpaares Agathe und Ulrich führen sollte. Nicht zu verwechseln mit dem nur etwas mehr als 10 Jahre dauernden schlimmsten Reich der Geschichte eines österreichischen Malers. Auch der Gesamttitel dieses ersten Teils des Romans “Vom anderen Ufer”, wird jetzt deutlich. Es ist “das Paradies, die andere Welt” , der die harte Realität, das Leben, diametral entgegensteht. Morelli klagt die Flucht in falsche Paradiese an, Drogen, das Häuschen im Grünen, auch die Homosexualität wird in dieser Aufzählung ein bisschen merkwürdigerweise genannt, alles was man zum System erhebt und vor allem die verlogene bürgerliche Anpassung. Der aktive Leser wird zum Gegenentwurf, er erzeugt seine eigene Welt beim Lesen:

“Sagen wir, die Welt ist eine Figur, man muß sie lesen. Mit Lesen meinen wir, sie [immer wieder neu] erzeugen.”

Morelli steigert sich in eine Zivilisationskritik, die heute  fast hellseherisch wirkt, das andere Ufer wird man nicht erreichen, es wird plattgewalzt durch internationale Manager, Atomreaktoren und neue Hormone, es wird schlimmer als die Alpträume von Orwell und Huxley, es wird “eine köstliche Welt sein”, … “mit Fernsehen in jedem Zimmer… und Ansichten von Iglus für Havanna, subtile Kompensationen, die jede Auflehnung besänftigen.” Aber dann setzt er doch auf die Hoffnung, der Mensch wird dem entkommen:

“Alles kann man umbringen, nur nicht die Sehnsucht nach dem Reich, wir tragen sie in der Farbe unserer Augen, in jeder Liebe, in allem, was tief innen quält und befreit und trügt. „Wishful thinking“, vielleicht; aber das ist eine andere mögliche Definition des ungefiederten Zweifüßlers.”

Diese poetische Umschreibung des Menschen erinnert mich an ein Gedicht Roberto Bolaños “Godzilla in Mexico”, die letzten Zeilen dort heißen:

¿Qué somos?, me preguntaste una semana o un año después,
¿hormigas, abejas, cifras equivocadas
en la gran sopa podrida del azar?
Somos seres humanos, hijo mío, casi pájaros,
Héroes públicos y secretos.

What are we? you asked a week or year later,
ants, bees, wrong numbers
in the big rotten soup of chance?
We’re human beings, my son, almost birds,
public heroes and secrets.

„Was sind wir? war deine Frage eine Woche oder ein Jahr später,
Ameisen, Bienen, falsche Nummern in der großen verdorbenen Suppe des Zufalls?
Wir sind menschliche Wesen, mein Sohn, beinahe Vögel, öffentliche Helden und  Geheimnisse.“

Advertisements