Julio Cortàzar: Rayuela VI

Lektüreeindrücke Kapitel 5, 81, 74

Maga_Teresa

Die Maga (Juliette Greco) sitzt mit Horacio (Albert Camus oder Julio Cortàzar ohne Bart?) in einem Pariser Straßencafé und sieht nachdenklich aus. Sie denkt über den Existentialismus nach und dass sie “La nausée” oder “La chute” noch nicht gelesen hat, ja eigentlich gar nicht weiß, von wem diese beiden Bücher sind. Aber Horacio wird es ihr erklären und bei ihren Antworten merken, dass sie sowieso schon immer alles wusste.

Kapitel 5, S. 44, beschreibt ziemlich freizügig für die damalige Zeit die erste Liebesnacht von Horacio und der Maga. Ich finde Cortàzar wagt sich hier auf einen schmalen Grat mit der Zensur. Eigentlich macht er hier Henry Miller Konkurrenz. Was den Unterschied ausmacht ist aber seine poetische Sprache, die verletzt nie. Ich will die Sexualpraktiken, die in diesem Kapitel beschrieben werden einmal unpoetisch mit ihren europäischen Ländernamen benennen. Deutsch, Englisch, Französisch, Griechisch und Spanisch, man könnte fast von einer Europäischen Vereinigung sprechen. Humor beiseite, ich finde die Beschreibung der körperlichen Liebe in diesem Kapitel noch viel schöner und interessanter als im wohl vielgepriesenen Kapitel 7 den so poetisch beschriebenen Kuss. Hier wird das geistig-körperliche Erlebnis zwar als eine durchaus männliche Inbesitznahme beschrieben, eine Initiation, stellvertretend für die Aufnahmerituale in den literarischen Diskussionskreis des “Schlangen-Club”, aber sie geht viel tiefer. Alle oben genannten Kapitel kreisen um das Thema Liebe, den Zweifel an ihr selbstverständlich eingeschlossen. Der intellektuelle Graben in ihren Gesprächen wird durch den Liebesakt überwunden, hier versteht man sich ohne Worte und hier kann Liebe immer nur gegenseitige Abhängigkeit bedeuten,  ein triebhaftes Geben und Nehmen. Cortàzar aber beschreibt nicht nur körperliche Abläufe, wichtiger noch ist das gleichzeitige Gefühl und das Bewusstsein davon. Die Empathie für den Zustand des jeweiligen anderen Geschlechts kommt in seinen Beschreibungen nie zu kurz. Sein Blick ist männlich und weiblich zugleich.

Kapitel 81 besteht nur aus einem kurzen Zitat des kubanischen Dichters José Lezama Lima, dessen Hauptwerke “Paradiso” und “Inferno” einen ähnlichen postmodernen Erzählstil wie “Rayuela” aufweisen. Der Katholik Lezama Lima philosophiert über den Glauben, er läge “zwischen Aberglauben und Freigeisterei”. Bei der Forderung nach neuen Gründen und neuen Leidenschaften denke ich jetzt natürlich an die Liebe, die sich auch immer wieder neu erfinden muss.
Ich habe noch etwas nachzutragen. In den vorigen Kapiteln erfährt man auch noch etwas über die Vergangenheit der Maga und Oliveiras. Die aus Montevideo stammende Uruguayerin erzählt von ihren Freundinnen und ihrem Sohn, der dort nicht Rocamadour, sondern Carlos Francisco hieß. Auch Oliveira kämpft mit der Erinnerung an seinen argentinischen Freund Traveler in Buenos Aires. Sie sind also beide in Paris Gestrandete, die sich vielleicht auch deshalb gefunden haben und sich gegenseitig Halt geben. Oliveira bewundert den Mut der Maga, trotz ihres Kindes nach Paris ausgewandert zu sein. Andererseits irritiert ihn dieses Kind. Die Maga hat ihre eigene Art der Ungezwungenheit, sie ist unkonventionell, sie nimmt das Leben scheinbar leichter, während der ständig sinnierende Oliveira dagegen oft schwermütig wirkt.

Kapitel 74 beschäftigt sich nun beinahe folgerichtig mit dem Nonkonformismus. Das Neue findet man nicht in der Mitte, der

“üblichen Ballungszone des menschlichen Geistes. Unfähig, die Verhältnisse zu beseitigen, versucht er, ihnen den Rücken zu kehren; ungeeignet, sich denen anzuschließen, die für die Beseitigung dieser Verhältnisse kämpfen, entfernt er sich achselzuckend.”

Das lässt mich nebenbei unwillkürlich an die wachsende Zahl der heutigen Nichtwähler denken. Drei Notizzettel landen vor den Augen des Lesers. Ich weiß persönlich, was Cortàzar hier treibt. Meine Kladde, in die ich j e t z t schreibe, nenne ich mein Sudelbuch nach Georg Christoph Lichtenberg. Seinen Schreibheften vertraute er seine spontanen Gedankensplitter an, wie das auch Morelli/Cortàzar hier mit seinen Notizzetteln macht. Wir haben es mit einer dreifachen Brechung zu tun. Der Erzähler schreibt von Morelli, der aber gleichzeitig in den linear ablaufenden Kapiteln auch vorkommt, und dieser charakterisiert wiederum Oliveira als Figur. Eine Art sich selbst spiegelnder Kreislauf, denn letztlich beschreibt Cortàzar seine eigenen Gedanken als frischer Exilant im Paris der Fünfziger Jahre und das Leben im  Roman ist natürlich bis zu einem gewissen Grad sein eigenes. Morelli hält nichts von Menschen, die sich in der Gesellschaft arriviert haben und

“durch die gesellschaftliche Suprastruktur verbildet worden sind”

Cortàzar will nicht hinter die Dinge blicken, sondern ständig neu und anders sehen, gezogen von einer Sehnsucht, die dieses Andere, wie die Maga im fragenden Anfangssatz, zu finden sucht: das Paradies, das authentische Sein.
Die Liebe wird dabei weder romantisch noch pornographisch dargestellt. Er versucht ihre Beschreibung mit dem einzigen Mittel, das ihm dafür zur Verfügung steht: der Mischung aus Realismus und Poesie, in der man die Dinge so genau wie beim Kuss im kommenden Kapitel 7 mit zyklopischem Auge sieht. Die spielerische Sprache klingt dann wie Jazz oder ein in die Luft gemaltes Aquarell.

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