Roberto Bolaño: Lumpenroman II

Lektüreeindrücke: Kapitel 1 und 2

bolano 
Roberto Bolaño und …

Das Wort Schweinerei des Mottos hallt noch im Kopf, werden wir im ersten Kapitel der Novelle mit dem Bericht einer fast noch kindlichen Bianca und ihres Bruders konfrontiert, die in einer Welt zu leben scheinen, die mit diesem Wort viel gemeinsam zu haben scheint. Jedes einzelne Wort Bolaños kann man auf eine Goldwaage legen, auch weil er es in anderen Texten schon gebraucht hat. So ein haften bleibendes Wort z. B. der ersten Seite ist das beiläufig fallengelassene “eine furchtbare Straße im Süden”. Es kann nur der Süden sein, was klingt für mich nicht alles mit in diesem einen Wort und dem Adjektiv “furchtbar”. Die Diktaturen Lateinamerikas, eine Ausstellung über die verlegerische Arbeit des Suhrkamp-Verlages, die Autoren dieser literarischen Himmelsrichtung auch in Deutschland bekannter zu machen, von Rom aus Sizilien als Eldorado der Mafia. Bianca und ihr Bruder haben bei einem Autounfall ihre Eltern verloren. Die Gefühlszustände der beiden Protagonisten werden durch Farben beschrieben, der verunglückte gelbe Fiat verliert sein Gelb und wird zu einem “grauen Blechknäuel”. So hat auch schon der Tod seinen Auftritt gleich auf dieser ersten Seite und seine Farbe ist immer eine heller-monotone als das bunte Leben. Am Ende des Kapitels wird er, was das Sehen betrifft, erneut erscheinen. Die Leere, die die Geschwister umgibt, scheint schon vor dem Tod der Eltern existiert zu haben, überhaupt sind die Empfindungen der Protagonisten Spiegelungen einer vereinsamten Großstadtwelt, in der man kaum noch Notiz voneinander nimmt. Die Beerdigung der Eltern wird kurz beschrieben und die Verwandten entpuppen sich am Ende als Fremde. Der letzte Satz über sie endet: … und sahen sie nie wieder. In der Erzählung “Clara” aus dem Sammelband “Telefongespräche” verabschiedet sich der Erzähler mit den gleichen Worten ein letztes Mal von seiner ehemaligen Geliebten: … und ich sah sie nie wieder. Das ist eine auch für den Lumpenroman typische Aussage. Die Personen kennen sich, leben miteinander, aber Nähe bleibt ein Desiderat und der Abschied ist ein zutiefst passendes Bild für die Stimmung sowohl dieser Novelle als auch anderer Erzählungen von Bolaño, dazu noch später.
Das eine weibliche Protagonistin ihre Vergangenheit schildert erinnert natürlich an Auxilio Lacouture aus “Amuleto”. Die Art des erzählerischen Einstiegs am Anfang ist nahezu identisch. Von Anfang an ist auch Bianca eine Gefangene der Umstände und ihrer selbst. Ihr Rückblick wird in kurzen, lakonischen Sätzen beschrieben, die eine melancholische Grundstimmung verbreiten, von der man spürt, dass sie auch die des Autors sein könnte. Der Verlust der Eltern wird als Einbruch einer harten Realität, als das Hereinbrechen von grellem Licht empfunden. Das Licht symbolisiert das Leid, es kann keine Ruhe spendende Nacht mehr geben. Nüchterne Sätze sind dem Duktus der Erzählerin angepasst, spiegeln aber auch Bolaños eigene Intention, sich auf das Wesentliche, den Kern der Sprache, zurückzuziehen. Der Autor überträgt seinen eigenen durchgehenden Skeptizismus im Schreibprozeß automatisch auf seine Figuren.

“Jeden Morgen gingen wir zur Schule. Sprachen mit denen, die wir für unsere Freunde hielten.”

Auch die kurzen Minimaldialoge weisen wie die Sätze eine fast gleichmäßige Länge auf und spiegeln die Eintönigkeit des Alltags der beiden Geschwister. Ihr “Waisendasein” bringt sie nicht nur in finanzielle Schwierigkeiten, eine alles ergreifende Sinnlosigkeit bringt sie auch dazu, nicht mehr in die Schule zu gehen. Stattdessen verbringen sie ihre Zeit vor dem ständig laufenden Fernsehapparat. Eine Aussage wie “Fernsehen und Video spielen in dieser Geschichte eine wichtige Rolle” erinnert mich auch an den Anfangssatz von “Amuleto”: “Dies hier wird eine echte Horrorgeschichte.”
Der Traum vom  “weißen Papagei” im zweiten Kapitel kam mir so vor, als schildere Bolaño hier das Älterwerden der Menschen allgemein, “mit jedem Schritt wurde ich schwächer, mit jedem Schritt zitterte ich stärker, alles tat mir weh … ein unendliches erschöpfendes Wettrennen”, aber auch seine eigene spezielle Situation, die Krankheit, die ihm nicht mehr viel Zeit ließ. Der weiße Papagei steht ohne Frage für den Tod. Vögel sind ein beliebtes Symboltier bei Bolaño, vergleiche auch den Schluss von “Amuleto”. Das Nichts  nach dem Tod stellt er sich als unendliches Weiß vor, Reinheit aber auch Leere. Die Augen spielen keine Rolle mehr.

”Es war egal, ob ich die Augen schloss oder offen hielt.”

Dabei musste ich unwillkürlich an eine Entsprechung in einem Song von “A whiter shade of pale” von Procol Harum denken, der auch vom “weißer noch als bleicher Schatten”, dem Tod handelt:

“And although my eyes were open, they might just as well have been closed“

Das zweite Kapitel handelt von Pornofilmen aus Videotheken und einem pubertären Männlichkeitsgehabe des Bruders, der Bodybuilding betreibt, um seiner Vorstellung von Männlichkeit besser zu genügen. Der Bruder will lernen, “wie man Liebe macht”. “Von schweinischen Filmen lernt man gar nichts”, gibt Bianca zur Antwort. Der Bruder (ein bisschen wie die Stimme Bolaños selbst) entgegnet “Sei dir nicht so sicher.” Bolaño singt hier kein Klagelied über die von Pornofilmen verdorbene Jugend, er schildert die Schwierigkeiten, die Menschen und vor allem Jugendliche immer haben, mit Sexualität und Liebe, scheinbare Antagonisten, ihr ganzes Leben lang umzugehen. Eine seiner besten Erzählungen “Joanna Silvestri” handelt von der Pornoindustrie und enthält einen herzzerreißenden Abschied zwischen zwei älteren Darstellern dieses Filmgenres. Bolaño meidet die Darstellung von Sexualität, als könne man sich damit schriftstellerisch nur lächerlich machen, indem man sie entweder pornographisch ausschlachten würde oder mit Gefühlsduselei überhöhte. Er wählt eine nüchterne Beschreibungsweise, die aber damit keineswegs gefühlloser wirkt. Sexualität ist eben immer Freude, Liebe und Last gleichzeitig, beinahe hätte ich kitschig gesagt, wie das Leben.

Silvestri
seine Kurzgeschichte “Joanna Silvestri” im amerikanischen  “Playboy”

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