Julio Cortàzar: Rayuela VII

Leseeindrücke Kapitel 6, 7 und 8

Julio_Cortazar_Paris_enero_1969

In Kapitel 6 erweist sich Horacio als ein zur Überheblichkeit und Sarkasmus neigender, vielleicht sogar etwas blasierter junger Intellektueller. Ihn langweilt die Unbelesenheit der Maga und auf Fragen gibt er ihr nur unwillig Auskunft. Interessant erschien mir die Auswahl der Schriftsteller, die die Maga gern lesen würde. Sie ist vermutlich ein Streifzug durch Cortàzars eigene Lektüre zur Entstehungszeit des Romans. Goethe, Homer, Dylan Thomas, Mauriac, Faulkner, Baudelaire, Roberto Arlt, Augustinus. Ein weit gefächertes Spektrum, heute würde man sagen: global. Goethe und Homer stehen für die literarischen Klassiker, Dylan Thomas als damals zeitgenössischer Lyriker ist da wie ein Gegenpol gesetzt.
Für mich bleibt sein Gedicht „Fern Hill“ unsterblich, in dem er seine eigene Kindheit auf dem Land beschreibt und der anderen großen Magierin, der Zeit, einen fast personalen Auftritt gibt. Ich zitiere aus dem Gedächtnis: „Ließ die Zeit mich gülden sein in der Gnade ihrer Allmacht“ „Golden in the mercy of his means“ und „I was prince of the apple towns“ „War ich Prinz der Apfelstädte“, aber ich schweife ab.
Der katholische Mauriac und Faulkner mögen Beispiele von Autoren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sein, die sich mit der Identitätskrise des Menschen befassten. Danach wird wieder der Lyriker Baudelaire, der mit seinen Gedichten die Literarische Moderne begründet hat, gesetzt, um dann überraschend zum Landsmann, dem aus Buenos Aires stammenden Roberto Arlt zu springen. Mit Augustinus wird noch schnell ein berühmter Geistlicher und Philosoph des Frühen Mittelalters genannt.
Dann wird davon berichtet, dass Verliebte sich immer finden, wie Magie laufen sie sich ständig ohne voneinander zu wissen über den Weg, da kommt der Intellektuelle nicht mit. Auch gegensätzliche Positionen in ihren Wortgefechten sind nur Teil des großen Spiels von An- und Abstoßung, das man sich mit dem gewöhnlichen und kitschig wirken könnenden Wort Liebe, kaum zu benennen traut.

Das 7. Kapitel besteht aus einem einzigen Kuss, dargestellt auf einer einzigen Seite. Zunächst überraschte mich die bewundernswert feinfühlige, poetische Beschreibung. Auf YouTube fand ich dann von Cortàzar selbst gesprochene Originalaufnahmen. Die wirkten mir, vermutlich weil auch die spanische Sprache aus Unkenntnis nicht den nötigen Klang bei mir hat, ziemlich theatralisch. Der deutsche Text, stumm hallend in meinem Kopf dagegen, klingt mir besser, wie eine Art Apotheose des Kusses an sich, dessen Geschmack an „reifes Obst“ erinnert. Cortàzar beschreibt mit einem einfachen Prinzip. Auf der einen Seite eine ungewöhnliche Beschreibung aus dem Blickwinkel der Anatomie, Vorgänge werden wie mit einem zyklopischen Auge gezoomt und durch das Detail verfremdet. Auf der anderen Seite die Ingredienzien der Romantik, der Mond fehlt nicht, altes Parfüm wird genannt. Dann erscheint der Kuss wie ein schöner plötzlicher Tod und evoziert damit Vorstellungen eines Orgasmus im Vorspiel. Die ungewöhnliche Zeichnung des Mundes und der Lippen, die gesamte neuartige Beschreibung eines an sich banalen Vorgangs ist auch wie ein Rausch der Sprache.

Den zu nahen, zyklopischen Blick auf die Dinge finden wir auch im nächsten Kapitel 8 wieder. Auf dem Fischmarkt am Quai de la Mégisserie, hängen die Fische wie kalte Vögel in der Luft. Die Bücher der Bouquinisten interessieren die beiden Liebenden jetzt nicht. Sie wollen wie schwerelos durch die Marktgassen wandern. Heute sind diese Antiquare mit ihren Ständen an der Seine schon vom Aussterben bedroht, wie Vogelarten. Meisterhaft beherrscht es Cortàzar auch in diesem Kapitel alles wie unter einer Lupe neu zu beschreiben und die Stimmung der beiden Protagonisten festzuhalten, die in ihrer Verliebtheit selbst Fischen im Wasser der Gefühle gleichen. Aber eine Stelle, ohne dass ich Genaueres weiß, ließ mich an die Beschreibung eines Selbstmordes denken. Das kalte Wasser unter der Brücke von Pont-Neuf.

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