Gipfeltreffen in Stuttgart

Hopper_Compartment
Edward Hopper: Compartment C, Car 293, (1938)

Mach´s gut, Olga“ sagte Aléa beim Hinausgehen, die Schultertasche mit dem Laptop lässig über die Schulter geworfen,“ lass mir noch ein paar Männer übrig in Berlin.“ 

Dito, verlieb dich endlich mal,“ erwiderte Olga, „grüß Stuttgart von mir.“

Die Autos reihten sich mal wieder Blech an Blech in der Kopenhagener Straße. Sie ging zum S und U Bahnhof Schönhauser Allee und fuhr die kurze Viertelstunde zum Hauptbahnhof. Der ICE fuhr um 9:37 Uhr. In der Bahnhofsbuchhandlung im Obergeschoß kaufte sie sich „Die Zeit“ und stand jetzt etwas verloren unter der riesigen Glaskuppel. Der Zug war pünktlich.
Sie stieg ein und hatte Glück, ein kleines Abteil für sich allein zu finden. Sie warf ihr Gepäck nach oben, machte es sich bequem und schlug das Feuilleton der „Zeit“ auf.
Sie hatte kaum zu lesen begonnen, da hörte sie ein leises Räuspern. Der Typ aus der Bibliothek, dieser Ulrich, das konnte doch nicht wahr sein.

„Was machen sie denn schon wieder hier, verfolgen Sie mich, das kann doch kein Zufall mehr sein?“

Ist es auch nicht! Aber nicht ich laufe Ihnen hinterher, sondern Sie mir, seit Sie das Buch in der Bibliothek aufgeschlagen haben. Sehen sie, Sie kommen gerade aus dem Urlaub zurück, aber mit mir ist das so – egal wo Sie wären, ob in einem Hausflur in Paris oder ob sie auf einem alten Holzstuhl in Siebenbürgen sitzen, ich wäre immer da. Sie wollen, dass ich da bin.

Sie dachte an die Landschaft in Rumänien, an das gar nicht so ferne Meer. Berlin brodelte, aber dort verging die große güldene Zeit, die immer alles schenkte und immer alles nahm, langsamer und anders. Sie dachte an den Esel und das dort alles unter einem weiten, hohen Himmel lag.

„Das lasse ich mir doch von Ihnen nicht einreden, sie wollen was von mir.“

„Wie soll ich es Ihnen nur erklären, Sie lesen und schreiben, Sie rennen hier und dort hin, aber tief in Ihrem Innern suchen Sie nach etwas ganz Anderem.“

„Wohl nach Ihnen, das könnte Ihnen so passen.“

„Nein, mit mir hätten sie kein Vergnügen, ich bin nur eine Figur, ein Mann, der so viele Eigenschaften hat, dass er eigentlich schon wieder gar keine mehr hat. Was lesen Sie denn gerade?“

„Ach, nichts besonderes, ein bisschen Dieter, ein bisschen William Faulkner und André Gide, adagio, andante, Forte. Was haben sie denn bloß immer mit Büchern und Lesen, machen die glücklich?“

„Auf diese Frage hat der Robert, von dem ich schon sprach, auch eine Antwort gesucht, ich weiß nur, dass es mich ohne Bücher gar nicht gäbe. Ich glaube sie müssen jetzt aus- und umsteigen in die S-Bahn nach Marbach.“

„Woher wissen sie denn das schon wieder?“

Aléa stieg aus dem Zug und hörte sofort laute Rufe „Lügenpack, Lügenpack…“ und Pfiffe wie von Trillerpfeifen. Hört sich nach den Protestdemonstrationen an, von denen ich schon gehört habe. Kaum ist man mal ein paar Wochen weg. Milliardenschwere Löcher in die Erde bohren und hundert Jahre alte Bäume fällen wegen 20 Minuten Zeitersparnis, sie musste an das Leben in Rumänien denken.
Als sie um 16:30 endlich bei
Teresa vor der Tür stand, umarmten sie sich und Teresa fragte:

„Wollen wir uns in den Garten setzen, ich habe Tee gekocht und auch ein Stück Schwarzwälder kannst du haben.“

Zwei schwarz-weiße Katzen liefen um sie herum und die Sonne glitzerte durch die Zweige.

„Du, da hat mich zum zweiten Mal so ein ganz gutaussehender Kerl angequatscht im Zug, ich weiß nicht, was ich davon halten soll, der redet immer so komisches Zeug über Bücher.“

„Freu dich doch, musst wohl doch was Anziehendes haben.“

Aléa schloss für einen Moment die Augen, da war es kurz, das Gefühl, die Welt wie ein Blinder sehen zu können.

(Literarische Begegnungen der dritten Art. 3)

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