Julio Cortàzar: Rayuela VIII

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Leseeindrücke Kapitel 93

Diese ewige Schleimspur des Intellektuellen, laut Rayuela anscheinend eine männliche Geisteshaltung, Cortàzar, (H)oliveira, Morelli, der Schlangenclub, wenn sie sich da mal nicht getäuscht haben, oder täuschen wollten? Bringt das hier überhaupt was, gibt es nicht schon genug Erörterungen, was sage ich, Bücher, Essays, Seminararbeiten, Dissertationen, Habilitationen, kluge Webseiten über Rayuela, sollte man sich Cortàzar nicht wirklich eher mit dem Charme einer Dame nähern, die sich mit ihm einfach in ein Straßencafé in Paris setzt und Rotwein trinkt? Ich müsste jetzt eigentlich mit Ja antworten, aber dann säge ich an dem Ast, auf dem ich sitze. Dass Rayuela etwas mit Surrealismus und magischem Realismus zu tun hat, muss ich das hier wiederholen? Das findet man schon bei Google, wenn man nur das Wort eingibt. Also doch weiter mit meinen unmaßgeblichen Leseeindrücken aus der Nähe der niedersächsischen Provinzhauptstadt:

Mit dem Zitieren des letzten Satzes aus dem Kapitel 6 beginnt das 93. Kapitel:

„Aber die Liebe, dieses Wort…“

Auf vier Seiten wird dieses Wort LIEBE dann geradezu variantenreich in einem sturzbachähnlichen Monolog des Erzählers seziert. Manche Wörter neigen eben dazu, falsch zu klingen, weil sie zu groß, zu umfassend sind wie auch ein anderes: GOTT. Eigentlich ist es ein Wehklagen über die eigene Liebesunfähigkeit. Horacio glaubt die Maga nicht zu lieben, er zweifelt zu sehr an sich selbst. Die magische Liebe nicht erwidern zu können, gefangen zu sein in der Körperlichkeit und er hat Angst vor dieser alles verschlingenden, pseudoromantischen Liebe, die ihn wie „schwarze Hündinnen“ verfolgt. Für ihn ist die Maga bisher ein Abenteuer, tiefe Liebe glaubt er zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu empfinden und er kann sie auch nicht erwidern, sie bleibt für ihn einseitig:

„Du reichst mir einen Apfel, und ich hab meine Zähne auf dem Nachttisch gelassen.“

Morelli, in dessen Arbeitsjournal wir uns in diesem Kapitel befinden, als Alter Ego von Cortàzar, bedauert den Zynismus  Horacio Oliveiras. Horacio misstraut der scheinbar bedingungslosen Liebe der Maga:

„Unter deiner Zunge Honig und Milch… Gewiß, aber man hat auch gesagt, daß tote Fliegen das Parfüm des Parfümmachers stinkend machen.“

Mit der Zunge spielt Cortàzar natürlich auch auf seine eigene an, und zieht sein Schreiben und das gesamte logische Denken in einer an Antonin Artaud erinnernden Weise in Zweifel, vgl. auch Motto des „Lumpenromans“ von Roberto Bolaño:

Logos, faute éclatante! Eine Rasse entwerfen, die sich durch Zeichnungen, Tanz, Macramé oder abstrakte Mimik ausdrückte!“

Die Dialektik des Logos wird von Cortàzar dann nicht in der bekannten Weise These > Antithese = Synthese begriffen, sondern in einer Art Schwebezustand einer poetischen Realität (vgl. auch M. Perkampus), in der auch der Zufall, dass Horacio die Maga beim Verlassen einer Buchhandlung trifft, eine Logik erhält, in der sich die Ebene der Realität und ihrer magischen Beschreibung selbst auflöst.

LIEBE und Philologie (der Schreibprozess), lässt sich das überhaupt miteinander verbinden, fragt sich der Erzähler, um sich dann doch in seine schöpferische Aufgabe zu stürzen, obwohl oder gerade weil das Zeitalter als eine Wegwerfgesellschaft empfunden wird. „This is a plastic´s age, man, a plastic´s age.“ Der Erzähler bedauert Horacio, der in seiner Geschichte verloren scheint, er sitzt mit der Maga in einem Café in Sèvres-Babylone, trinkt „pelure d´onion“ (ein Rosé, da haben wir´s, Rotwein!) Horacio ist Sèvres und die Maga Babylone, vor jeglicher Sprachverwirrung, eine Begegnung wie am ersten Tag, „zwei Kinder, die auf einem Geburtstagsfest lärmend Freundschaft geschlossen haben“, dem Erzähler wird „das Herz wie eine Erdbeere“, aber „Merde, alors“,  das Gleichgewicht des Erzählens, die Geschichte, enthält schon am Anfang den „süßen Schmerz“ des Abschieds.

Ein Satz aus Kapitel 7 sei kurz nachgetragen,

Dann versuchen meine Hände in dein Haar zu tauchen, langsam die Tiefe deines Haares zu streicheln, während wir uns küssen, als hätten wir den Mund voller Blumen oder Fische, voller lebendiger Bewegungen, erfüllt von einem dunklen Duft.“

und ein Video, das ich sehr passend zum Hinkel-Spiel, zum Rayuela-Spiel, zum Hopscotch fand:
(das Einbetten ist mir leider nicht gelungen, also nur ein Bild, aber der Link funktioniert)

Hopscotch

http://www.imdb.com/video/wab/vi48759065/

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