Julio Cortàzar: Rayuela X

Lektüreeindrücke Kapitel 9, 104, 10 und 65

paul-klee-kairouan                 mondrian_composition with color planes and gray lines
Paul Klee: „Before the gates of Kairouan“ 1914          Piet Mondrian: „Composition with color planes and grey“ 1918

Im 9. Kapitel werden uns eine ganze Reihe von Freunden Oliveiras kurz vorgestellt. Etienne, Perico, Gregorovius, Wong, Guy Monod, der Musiker Ronald und die Keramikerin Babs. Intellektuelle Bohemiens des „Schlangen-Clubs“, der seinen Namen vermutlich daher hat, dass die intellektuellen Gegnerschaften und Differenzen im Denken manchmal einer Schlangengrube ähneln oder er ruft die Assoziation einer Frau hervor, die als Schlange den männlichen Intellektuellen verführt. Zum Beispiel streitet man gern über die Malerei, in der die beiden Zeitgenossen Paul Klee und Piet Mondrian dialektisch voneinander getrennt werden. Klee steht angeblich für den Künstler, dessen Werke man nur mit einer gehörigen Portion Bildung zu würdigen weiß, während es bei dem abstrakten Mondrian reicht, sich nackt vor seine Gemälde zu stellen und nur zu schauen. Oliveira befürchtet, dass die Maga eine unpassende Bemerkung zu diesem Streit machen könnte und würde ihr am liebsten eine „sanfte Ohrfeige“ oder einen „Fußtritt von Bienen“ geben, um dies zu verhindern und dann kommt auf Seite 52 ein interessanter Satz:

„Aber in dieser Welt müssen die letzten Synthesen erst noch erfunden werden.“

Darin sehe ich eine Absage an das dialektische Denken und das Hochhalten eines künstlerischen Schwebezustandes, der die Wirklichkeit jenseits aller Logik zu beschreiben versuchen soll. Was natürlich nicht bedeutet, das intellektuelle und dialektische Denken ganz abzuschalten, es soll in der Kunst nur keine Dominanz für sich beanspruchen. Das sind kleine Belege für das Durchscheinen eines surrealistischen oder magisch-realistischen Konzepts des Schreibens. Oliveira beantwortet den Disput Klee/Mondrian mit einer Aussage jenseits von These, Antithese und Synthese:

„Im Grunde ist Klee Geschichte und Mondrian Zeitlosigkeit.“

Die Stimmung im Club ist künstlerisch ausgelassen, man amüsiert sich über das Bürger- und Beamtentum.

Das 104. Kapitel ist sehr kurz und besteht nur aus drei Absätzen, die alle eine Erklärung, was das Leben sei zu umschreiben versuchen. Einmal mehr wie eine Arbeitsnotiz mutet es an,

„Das Leben, wie ein Kommentar zu etwas anderem, das wir nicht erreichen, und es liegt da in der Reichweite des Sprungs, den wir nicht machen.
Das Leben, ein Ballett über ein geschichtliches Thema, eine Geschichte über ein Erlebnis, Erlebnis einer wirklichen Tatsache.
Das Leben, Fotographie des Numen, Besitznahme in der Finsternis (Frau, Ungeheuer?), das Leben, Kupplerin des Todes, glänzendes Kartenspiel, Tarock mit vergessenen Schlüsseln, das von gichtigen Händen zu einer tristen Patience degradiert wird.“

und gipfelt darin, dass es eben ein nicht benennbares, ein trauriges Spiel bleibt, das man am Ende in der Hand hält. Interessant auch, dass die Frau wie ein Ungeheuer, vermutlich im Bett, in der Finsternis in Besitz genommen werden soll.

Das 10. Kapitel

Weiter oben, unter den bleiernen Dachrinnen, würden die Tauben schlafen,…“

„El Club de la Serpiente“ heißt der Ort, wo man über den Jazz der zwanziger Jahre des Gitarristen Eddie Lang und Bix Beiderbecke diskutiert. Die mussten ihr Können noch in Drei-Minuten-Stücken beweisen, im Gegensatz zu den späteren Künstlern. Perico findet dafür gleich einen literarischen Vergleich, das seien „Sonette anstelle von Oden.“ Mir schien das Video oben passend, eine Hommage in Bildern an Julio Cortàzar, den Jazz, Paris und die Maga mit der Trompete von Miles Davis, nicht Cortàzar.

Das Kapitel 65 (wieder ein entbehrliches) operiert gleich mit dem Wort Modell und beschreibt, wie ein möglicher Mitgliedsausweis des Schlangen-Clubs aussehen könnte. Sehr gemischt, ein Haufen Künstler und Intellektueller findet sich hier im Paris der fünfziger Jahre zusammen. Gregorovius, das verbinde ich mit den „Gregorianischen Gesängen“ und klingt russisch. Ossip klingt nach der Himmelsrichtung Osten, aber auch sehr jüdisch. Der Mond und eine Kraterlandschaft auf der Rückseite der Karteikarte darf nicht fehlen.
Exilanten sind sie eben, die im Quartier Latin der Metropole Paris eine neue Heimat suchten und sich manchmal wie auf dem Mond gelandet vorkamen. Die häufig eingeschobenen französischen Aussprüche vermitteln zwar einerseits Lokalkolorit und wirken auch so auf den Leser, andererseits sind es nebenbei auch Auswirkungen der Bemühungen um eine Integration. Die Hälfte des Kapitels befasst sich ironisch mit der wundersamen Abstammung Gregorovius`, der nach Rotweingenuss sogar drei Mütter präsentiert. Er selbst, ungarischer Abstammung, wäre lieber Tscheche und ist das zufällige Ergebnis eines Landgangs seines zur See fahrenden Vaters mit einer „als Nutte in Malta“ endenden Engländerin, Produkt „übergroßer [Fremdenliebe].
Die Aufzählungsphantasie Cortàzars evoziert bei mir eine multikulturelle Gesellschaft, in der die Menschen nicht mehr nach ihrer nationalen Zugehörigkeit beurteilt werden.

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