Julio Cortàzar: Rayuela XI

Cafe_Paris

Lektüreeindrücke Kapitel 11, 136, 12 und 106

Auch der mir beim Lesen manchmal selbstgefällig erscheinende Kreis der Pariser Exil-Bohemiens, ihr Schmoren in kunstfertiger Intellektualität mit einem männlichen Selbstverständnis, das Frauen zu Musen degradiert, ist dann doch nicht frei von Gefühlen der Rivalität und Eifersucht, wenn es um die gleiche Frau geht. Ossip Gregorovius (in den Kapiteln davor dachte ich, dass wären zwei Personen) hat ein Auge auf die Maga geworfen und sein Dialog mit ihr stört den Musikgenuss der anderen Anwesenden. Sie hören Bluesstücke der farbigen Sängerin Bessie Smith aus den zwanziger Jahren und Cortàzar schildert die Musik und die Raumatmosphäre in Kapitel 11 beinahe impressionistisch. Die Erwähnung des Dichter-Pseudonyms Lautréamont, der ein weiteres Mal auf den Surrealismus verweist, stellt womöglich auch einen Zusammenhang mit den Titeln der drei Teile Rayuelas her: L´autre Amont („die andere Seite des Flusses“). „Vom anderen Ufer“, „Vom hiesigen Ufer“ und „Von anderen Ufern“ heißen die Romanteile. Die Parallele aber ist auch das gleiche Geburtsland der Maga und Lautréamonts: Uruguay. Über dieses Land möchte Gregorovius mehr wissen. Während des Gesprächs sucht er auch die körperliche Nähe der Maga, was Horacio mit gespieltem Desinteresse erwidert.

In Kapitel 136 zitiert das Schriftsteller-Alter-Ego Cortàzars Morelli ein Zitat Georges Batailles über den Fluch und Zwang, über die „Manie“, beim Schreiben ständig Zitate von unterschiedlichster Art zu verwenden. Er zitiert ein Zitat, das sich über das Zitieren beklagt. Wenn das keine Ironie ist.

Kapitel 12 berichtet davon, dass Oliveira von der Verliebtheit Gregorovius´ in die Maga weiß. Quasi Hahnenkämpfe liefern sich alle bei dem Versuch, sich mit grandiosen Zitat-Assoziationen zu übertreffen. Ein bisschen selbstkritisch aber genauso von anderen kenne ich dies ausufernde Assoziieren beim Lesen. Nichts gegen Assoziationen jeglicher Art, nur meistens haben sie mehr mit der eigenen Person und dem eigenen Gedächtnis zu tun, als dass sie für den Lesestoff allgemein erhellend wären. Cortàzar findet dafür einen wunderbaren Begriff:

„… Horacio ekelte es vor diesem Exhibitionismus des assoziativen Gedächtnisses“ (S. 60, unten)

Die Story ist bisher handlungsarm, um so dichter ist die Beschreibung der Atmosphäre der Innen- und Außenwelt der Protagonisten. Sie spazieren durch Paris, hören Musik, diskutieren über Malerei und Musik, philosophieren über Dichtung und Wahrheit. Die Zitate aus dem 12. Kapitel, die ich beifüge, sind fast eine magisch-surrealistische Programmatik:

„Illusion von Illusionen, eine schwindelerregende Kette nach hinten, bis hin zu einem Affen, der sich im Wasser betrachtet am ersten Tag der Welt?“

Cortàzar spielt mit diesem Satz hier auf den Narziss-Mythos an, erkennt also auch die Gefahr eines solipsistischen Erzählens, sieht dann aber später gerade in den Illusionen auch den einzigen Weg der künstlerischen Darstellung:

„… denn nur die Illusionen brachten es fertig, ihre Anhänger zu bewegen, die Illusionen, und nicht die Wahrheiten.“

In der Tat erfahren wir über diesen Pariser Künstlerkreis mit seinen Marotten und Ungereimtheiten, seinem Flair des Exzentrischen, seinen romantischen Verstrickungen mehr durch die magische Erzählweise Cortàzars, als durch eine noch so gute soziologische Studie mit ihren Realitäten. Dem Denken wird eine Abfuhr verpasst. Zumindest die Kunst muss „ein anderes Gebiet“ (vgl. „die andere Seite des Flusses“), „eine unvorstellbare Zone“ beschreiben „die zu denken zwecklos gewesen wäre.

Horacio trinkt Wodka und hatte vorher phantasiert, wie er mit Gregorovius die Maga gemeinsam sexuell verführen würde. Dann aber erwacht der männliche Ausschließlichkeitsanspruch, die alleinige Inbesitznahme des Weiblichen, wieder in ihm.

Zwei Zitate aus Liedtexten bilden das Kapitel 106, beide korrespondieren mit der dem Blues ähnlichen Stimmung Oliveiras. Der eine Text ist aus „Bad Whiskey Blues“ der amerikanischen Bluessängerin Merline Johnson, auch bekannt als das Yas Yas Girl:

„Well it´s blues in my house, from the roof to the ground,
And it´s blues everywhere since my good man left town,
Blues in my mail-box cause I cain´t get no mail,
Says blues in my bread-box, ´cause my bread got stale.
Blues in my meal-barrel and there´s blues upon my shelf
And there´s blues in my bed, ´cause I´m sleeping by myself.“

Den „Milk Man Blues“ von ihr fand ich auf YouTube. 

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