Julio Cortàzar: Rayuela XII

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Lektüreeindrücke Kapitel 13 und 115

Ein Vermischen von Songtexten, Dialogen, Bruchstücken französischer Umgangssprache und immer wieder verfremdend surrealistische Vergleiche, kennzeichnen den Erzählstil Cortàzars. Die Musik Louis Armstrongs, seine Trompete, wird in Kapitel 13 zum Beispiel mit einem Phallus verglichen, der höchste Ton mit einer Ejakulation. Ein sehr männliches Bewusstsein, das hier Musik wahrnimmt, könnte man einwenden, aber der Club de la Serpiente besteht eben auch aus männlichen Intellektuellen, Babs und die Maga sind da eher Anhängsel. Der ältere, Buenos Aires besuchende Satchmo ist in Routine erstarrt und wird als „aufgewärmtes Zeug“ bezeichnet. Oliveiras Kritik endet mit der Schlussfolgerung

„… mein ganzes Land ist nichts als Aufgewärmtes“

und spielt damit auf den Umstand an dass alle modernen Argentinier Einwanderer sind.

„Angefangen mit dir,“ sagt Perico zu Oliveira. Er wäre zu seiner „education sentimentale“ nach Paris gekommen, eine ironische Anspielung auf den letzten Roman Gustav Flauberts. Oliveira gibt ihm recht, er wäre wohl besser in Buenos Aires geblieben.

Das kurze 115. Kapitel befasst sich damit, dass in der modernen Kunst die Abstraktion auch auf die Erzählformen übergegriffen hätte. Figuren in Romanen trügen oft gar keine richtigen Namen mehr, wie Kafkas K. und so wären diese abstrakten Figuren ein Angebot an den Leser, sie beim Lesen selbst wieder zu jeweils individuellen Personen werden zu lassen.

„… entwarf Morelli eine Episode, in der er den Namen der Figuren aussparen wollte, damit diese vermeintliche Abstraktion sich jeweils notwendigerweise in einer hypothetischen Namengebung auflöse.“    

Mir fiel sofort die Parallele zum Erzählstil Roberto Bolaños ein. Auch in seinen Erzählungen tragen die Figuren manchmal nur noch Namen wie A und B oder X (vgl.. Roberto Bolaño: „Telefongespräche“). Im „Lumpen(roman)“, den ich ja auch lese, tragen manche Figuren überhaupt keine Namen mehr, sie werden nur noch als der Bruder, der Bologneser, der Libyer bezeichnet, an ihre Namen kann sich die Erzählerin nicht erinnern oder verschweigt sie willentlich.
Sicher lässt das moderne Erzählen so mehr Spielraum für die Leserphantasie. Ich glaube allerdings nicht, dass dies in erster Linie an der fehlenden Namensgebung der Personen liegt, sondern zumindest bei Bolaño am ganzen Erzählfluss und an der Erzählhaltung des jeweiligen Ich-Erzählers.
Dieser erzählt so, als ob ein Stück sowohl des Autors selbst, als auch des potentiellen Lesers beim Schreibprozess bereits mit integriert würden. Diese Art des Erzählens stellt dann nicht nur eine Abstraktion dar, sondern eine Öffnung des gesamten Raumes, in dem eine Erzählstimme hörbar wird. Immer mehr gelange ich zu der Auffassung, das Roberto Bolaño einen älteren Verwandten hatte.

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