Julio Cortàzar: Rayuela XIII

JULIO_CORTAZAR-PARIS-1981 

  Leseeindrücke Kapitel 14, 114 und 117

Im 14. Kapitel wird in der „Schlangengrube“ nicht nur diskutiert, sondern auch massiv Alkohol, Zigaretten und Drogen konsumiert. Die Abgrenzung zum bürgerlichen Lebensstil scheint auch vor dem exzentrischen Herumzeigen von vergilbten, unscharfen Folterfotos nicht zurückzuschrecken. Der Chinese Wong zeigt Oliveira acht sorgsam verwahrte Fotos einer chinesischen Folterszene von 1920. Perico lenkt das Gespräch auf dieses Thema, indem er Wong fragt, ob er ein Buch über die Folter schreibe. Beiläufig lässt er seine literarischen Kenntnisse durchblicken, indem er auf das bekannte Buch „Der Garten der Qualen“ von Octave Mirbeau anspielt. Auf den Fotos werden die verschiedenen Folterstadien festgehalten. Bei der Kastration des männlichen Opfers ist dann von

„eine Art triefendes Loch, so etwas wie das Geschlechtsteil eines vergewaltigten Mädchens“

die Rede. Für mich bleibt die Frage, ob hier mit Sexualität und Folter nicht auf Folterpraktiken auch in lateinamerikanischen Diktaturen hingewiesen werden soll.

Korrespondierend zu den acht Fotos des Gefolterten im 14. Kapitel wird im 114. Kapitel eine Nachrichtenagenturmeldung in einer Zeitung über einen zum Tode verurteilten Gefangenen in St. Quentin erwähnt, der in acht Minuten grausam vergast wird.

Das 117. Kapitel ist wieder ein Zitat aus einem Sachbuch, das sich mit der Todesstrafe bei Kindern beschäftigt. Von der öffentlichen Meinung wird diese damit begründet, dass Kinder sehr wohl den Unterschied zwischen Gut und Böse in der Sonntagsschule lernen würden und damit wären auch die Todesurteile juristisch und moralisch begründet. Zitiert wird aus dem Buch des berühmten amerikanischen Anwalts Clarence Darrow: „Die Verteidigung von Leopold und Loeb„. Das Ganze dient wohl zur Illustration, mit welchen Themen man sich im Intellektuellenclub der fünfziger Jahre in Paris beschäftigte. Über die grundsätzliche Ablehnung der Todesstrafe und Folter besteht kein Zweifel.

Eine Nachrichtenmeldung, ein Buchzitat. Die „Kapitel, die man getrost beiseite lassen kann“ des dritten Teils „Von anderen Ufern“ sind einfach Materialsammlungen des Alter Ego Schriftstellers Morelli.
Man hüpft schnell, dem Hinkelstein folgend, in sie hinein. Wie
Walter Benjamin den Historiker mit der Figur des Lumpensammlers in den Gedichten Baudelaires verglich, der Zeugnissen der Vergangenheit, „Lumpen“, eine neue geschichtliche Bedeutung für die Gegenwart geben wollte, so verwirft auch Cortàzar seine Materialsammlung nicht, sondern macht aus ihr einen essentiellen Teil, keinen entbehrlichen, seines Buches.  Er transformiert im Stile eine Collage diese Fundstücke in das fiktive Geschehen des Romans hinein.

Der Leser wird aus dem konventionellen Erzählverlauf der beiden ersten Teile herausgerissen und es wird von ihm verlangt, sich mit dem Zettelkasten eines Schriftstellers, seinen lumpenhaften Dokumenten auseinanderzusetzen. Da ich nach dem vorangestellten Wegweiser durch die Kapitel lese, wird mein Lesefluss allerdings auch immer unterbrochen. Der Zettelkasten hat dadurch eine mehr ernüchternde Wirkung, wobei sich mein Lesegefühl dann eher am Boden und in der Hölle verorten lässt, als dass ich im Pariser Künstlermilieu genüsslich schwelgen würde.

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