Arthur Schopenhauer: Über den Tod

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Ich habe mich entschlossen bibliophile Kuriositäten, in diesem Falle eine „beinahe Buchleiche“, zu kommentieren. Das Antiquarische hatte schon immer einen besonderen Reiz für mich. Dieses Miniaturbuch hat einen Schätzwert von fünf Euro, aber der materielle Wert interessiert mich dabei nicht. Die Geschichte hinter dem Buch erscheint mir spannend oder auch das, was ich lediglich fiktiv darin sehe. Bei diesem Buchwinzling handelt es sich um eine Ausgabe des 41. Kapitels von Arthur Schopenhauers Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ mit dem Titel „Über den Tod und sein Verhältniß zur Unzerstörbarkeit unsers Wesens an sich“. Vermutlich ist dieses Büchlein für die Hosentasche des Offiziers oder Soldaten während des Ersten Weltkrieges im Hyperion Verlag Berlin als Feldpostausgabe erschienen.
Es ist nur 9 cm hoch, 6 cm breit und 1 cm dick, war wohl mal rosa, ist jetzt aber schon braun verbleicht, die Farbe auf den Scans täuscht.

Ein Dokument dieses Zeitalters eines Krieges, in den alle mit frohem Herzen zogen und davon überzeugt waren, für Ehre und Vaterland auf der richtigen Seite zu stehen. Trotz dieser Kriegsbegeisterung brauchte die kämpfende Truppe aber auch Trost in den Schützengräben, und da sollte nun ausgerechnet der pessimistische Schopenhauer aushelfen.

Die verstörenden Kriegstagebücher von Ernst Jünger (1914-1918), der sich daraus später zum Helden stilisierte, sollen auch so ein geschichtliches Zeitdokument sein, wie ich in der SWR-Literatursendung „Literatur im Foyer“ von Ijoma Mangold in einer Diskussion mit Denis Scheck und Thea Dorn und der Moderatorin Felicitas von Lovenberg erfuhr. Neben dem zeitgeschichtlich interessanten Blick, gibt es natürlich auch immer das Interesse rechtsnationaler Kreise, die als potentielle Käuferschicht in Frage kommen.

Aber auch bei Schopenhauer gibt es diesen breit gestreuten Leserkreis, akademische Philosophen oder in neuerer Zeit eher das Verwursten seiner Aphorismen als kurzzeitige Lebenshilfe.

Der Markt erscheint mir heute oft als das umfassendste Mittel der Verblendung in der Moderne.

Es gibt bemerkenswerte Ansätze, die seine Philosophie als Grundlage späterer Sozialkritik und Ästhetik in einer Reihe mit Benjamin und Adorno bis hin zur Frankfurter Schule sehen. Vielleicht bietet seine Ethik und der westliches und östliches monotheistische Denken überschreitende Blick wirklich eine Chance für eine utopische Welt gleichberechtigter Religionen auf gemeinsamen Wertekatalogen. Ein Pessimist der Hoffnung, was für ein Widerspruch.

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Zu dem so gern Griechisch zitierenden Philosophen Schopenhauer passt das Signet des Hyperion Verlages. Der griechische Lichtgott, Vater des Sonnengottes Helios zieht mit seinem Wagen und seinen Pferden den Sonnenverlauf nach.

Ich habe den ganzen Text noch nicht gelesen, man findet ihn aber auch bei Zeno online.
Ein Satz daraus ist mir dann bei aller Philosophie über den Tod doch lächelnd aufgefallen in seiner eindeutig politischen Aussage. Da kommen die Hegelianer, seine liebsten Feinde und die englischen Sozialisten gar nicht gut weg:

„In Folge solcher Entwickelung sehn wir eben jetzt (1844), in England, unter verdorbenen Fabrikarbeitern, die Socialisten, und in Deutschland, unter verdorbenen Studenten, die Junghegelianer zur absolut physischen Ansicht herabsinken, welche zu dem Resultate führt: edite, bibite, post mortem nulla voluptas, und insofern als Bestialismus bezeichnet werden kann.“

Esst, trinkt: nach dem Tode (gibt es) kein Vergnügen (mehr). Eine eindeutige Absage sozialistischer Bestrebungen seiner Zeit und die Studenten sollten wohl besser seine Vorlesungen besuchen. Aus der Jahreszahl erfahren wir, dass der Text der 2. Auflage seines Hauptwerkes für dieses „Trostbüchlein“ genommen wurde. Das sich dem sinnlosen Vergnügen hingeben, der Lust oder den Frauen ist ihm im Diesseits ein Nichts, so wie das Nichts vor der Geburt und nach dem Tode. Mit dem Sein und dem Nichts haben sich später auch die Existentialisten Camus und Sartre auf ihre Art schriftstellerisch auseinandergesetzt. Die Wurzeln Schopenhauers reichen in die Philosophie Griechenlands wie in den Buddhismus, eine immer noch abenteuerliche Mischung.
Der Schlusssatz aus „
Die Welt als Wille und Vorstellung

„… was nach gänzlicher Aufhebung des Willens übrig bleibt, ist für alle Die, welche noch des Willens voll sind, allerdings Nichts. Aber auch umgekehrt ist Denen, in welchen der Wille sich gewendet und verneint hat, diese unsere so sehr reale Welt mit allen ihren Sonnen und Milchstraßen – Nichts.

erinnert mich wieder an ein Seneca-Zitat des verstorbenen Paderborner Antiquars Lothar Wengerzink:

„Dum ego sum, mors non est
Si mors venit, ego non sum.“

Ich hoffe, dass auch das winzige Buch Schopenhauers einem Soldaten oder Offizier vor langer Zeit einmal diese gelassene Einstellung zum Tod vermitteln konnte.

Eine neue kommentierende Ausgabe von „Über den Tod“ gibt es zum Beispiel von Ernst Ziegler, der einige Texte über letzte Dinge versammelt. Ein Artikel zum 150. Todestag Schopenhauers in der FAZ erwähnt noch weitere aktuelle Bücher zu Schopenhauer.

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