Julio Cortàzar: Rayuela XIV

Leseeindrücke Kapitel 15, 120, 16 und 137

cortazar

Das Kapitel 15 beginnt damit, dass Oliveira ein Angebot, sich einen Folterfilm anzusehen, ablehnt. Er macht sich Vorwürfe, dass ihn das Betrachten von Wongs Folterfotos kalt gelassen hatte, weil er keine emotionale Bindung zu dem Gefolterten fand. Teilnahmsloses Ergötzen am Schmerz von anderen ist seine Sache nicht, der Mensch wäre zu etwas anderem geschaffen. Gleichzeitig könne der Mensch aber auch Lügner und Schuft sein.

Auf einmal verwandelt sich dein Mund, mitten im Lächeln, in eine haarige Spinne.

Oliveira lenkt sich von der zunehmenden Annäherung zwischen der Maga und Gregorovius und seiner aufkeimenden Eifersucht mit Gedankenspielen über unsinnige Studienarbeiten ab. Eine “Geschichte der Nagelscheren” wäre doch weit interessanter als das Gespräch der beiden. Gregorovius möchte mehr über die Maga erfahren, was Oliveira missbilligt. Etwas später aber beginnt Maga von ihrer armseligen Kindheit in Montevideo mit ihrem arbeitslosen, ständig Mate-Tee gegen die Hitze trinkenden Vater, zu erzählen. In einer Mietskaserne wohnte sie allein mit ihm, ihre Mutter wäre als sie fünf war gestorben. Nachbarn waren ein Italiener, zwei alte Frauen und ein farbiges Paar, das sich ständig stritt. Der Farbige hat ein Auge auf sie geworfen.

“Der Neger hatte rote Augen, die wie ein feuchter Mund waren.” 

Als sie eines Abends zu Bett gehen will, steht der Schwarze in ihrem Zimmer, “befummelt sie überall”, reißt ihr die Kleider vom Leib und vergewaltigt sie.

“ – Erzähl es ihm nur in allen Einzelheiten, sagte Oliveira.
  – Oh, eine allgemeine Vorstellung reicht, sagte Gregorovius.
  – Es gibt keine allgemeinen Vorstellungen, sagte Oliveira.”

Kapitel 120 beschreibt die Grausamkeit eines Jungen, Ireneo, der einen Wurm vor einen Ameisenhaufen legt und genüsslich zuschaut, wie die Ameisen es kaum gemeinsam schaffen, ihn in ihren Bau zu ziehen, weil er zu groß für die Öffnung ist. In erlebter Rede ohne einen Absatz wird dies aus der Sicht des Kindes erzählt, der sich zur Stunde der Siesta aus dem Haus schleicht, um seinem Sadismus zu frönen.

“Ireneo wäre gern auch in dem Ameisenhaufen drin gewesen, um sehen zu können, wie die Ameisen an dem Wurm zogen, wie sie ihre Zangen in seine Augen und seinen Mund schlugen und mit aller Kraft zogen, bis sie ihn ganz drin hatten und in die tiefste Tiefe schleppten und ihn töteten und auffraßen”

Diese Grausamkeit steht natürlich in unmittelbarer Relation zu der geschilderten Vergewaltigung in Kapitel 15 und das Kind ist somit der spätere erwachsene Schwarze, der Vergewaltiger. Einmal davon abgesehen, dass ein gewisser Sadismus bei Kindern wohl einfach ein womöglich unumgängliches Stadium in der kindlichen Entwicklung darstellt, weist diese Relation darauf hin, dass die Neigung zur Gewaltbereitschaft psychologisch schon im frühkindlichen Stadium angelegt werden kann. Um so mehr ist eine Pädagogik auch der Eltern gefragt, die schon bei der Grausamkeit gegen Tiere regulativ eingreift. Ist ein Kind sich selbst überlassen und wächst in einem Milieu ohne wirkliche Zuwendung auf, kann sich daraus später die Bereitschaft entwickeln, Konflikte mit Gewalt lösen zu wollen oder lediglich nach der eigenen Bedürfnisbefriedigung zu schielen.

Kapitel 16 beginnt mit einem intellektuell analysierenden Vergleich der geringen Abweichung von Vergewaltigung und Verlieben in Form und Inhalt von Etienne. Oliveira reagiert gereizt, indem er wissenschaftliche,universitäre Studien weiterhin lächerlich macht und sie dem Thema für unangemessen hält. Alle sind angetrunken und reden sich die Köpfe heiß, während der Swing des Jazz den Raum füllt. Einen wunderbaren Satz, der Ironie und Atmosphäre verbindet, möchte ich zitieren:

“… da saß der arme Ossip [Gregorovius], geleckt wie ein Seehund und zu Tode betrübt über die vorzeitige Deflorierung, es war ein Jammer, ihn so steif und starr zu sehen in dieser Atmosphäre, in der die Musik den Widerstand lockerte und so etwas wie einen gemeinsamen Atem wob, den Frieden eines riesigen Herzens, das für alle schlug, sie alle aufnahm.”

Gibt es eine schönere Umschreibung des Lesens verstorbener Autoren?

“Zuweilen geschah es, daß sich die Worte der Toten mit den Gedanken der Lebenden trafen.”

Sehr subtil webt hier Cortàzar seinen atmosphärischen Teppich aus dem Gefühlsgeflecht der Protagonisten und ihrer gemeinsamen Stimmung. Enden lässt er dies in diesem Kapitel mit einem Blick in die melancholische Gedankenwelt der Maga, gespickt mit Vergleichen aus der Musik und Malerei, Earl Hines und Piero della Francesca. Sie durchschaut ihre Rolle in der männlichen Begehrlichkeit von Oliveira und Ossip, träumt aber von Oliveiras Zärtlichkeit, während sie sich lieben würden (“et je n´ai lieu qu´en toi”) Im Moment beherrscht sie aber mehr der Zustand “I ain´t got nobody”. Da kann wiederum nur noch ein von Wong gereichter Kaffee trösten.

Kapitel 137 zitiert einen kurzen Satz aus dem Arbeitsjournal des fiktiven Schriftstellers Morelli, der die Intention des Romans unterstreichen soll, keine Summe von etwas zu liefern. Das heißt, ein Leser, der nur eine beabsichtigte Aussage hineinlesen würde, ohne sich selbst aktiv in den Text einzubringen, hätte das, was Rayuela ausmacht, in der Substanz vermindert.

Gerade wird mir bewusst, wie sehr das Springen zwischen den einzelnen Kapiteln und Teilen, das Hin- und Her-Blättern Ähnlichkeit mit meinem Verhalten am Computer hat. Ein Netzwerk, ein Beziehungsgeflecht von Textversatzstücken, Knotenpunkte eines Schriftstellergedächtnisses, an denen ich entlangreise. Scheinbar Disparates fügt sich beim Lesen auf neue Art zusammen. Auch die Zufälligkeiten des Kontinuums Text weisen Ähnlichkeiten mit dem Hyperspace auf. Ist Rayuela in der Form ein Vorläufer der Bewegung des Bewusstseins heutiger Rezipienten des Internets? Wir haben die Chance, den Text anders zu lesen als im Jahre 1963.

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