Julio Cortàzar: Rayuela XV

Leseeindrücke Kapitel 17 ff

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Zu Beginn des Kapitels 17 fiel mir der Name Léonie auf, Madame Léonie. Das ist ein gutes Beispiel, wie das Bewusstsein beim Lesen funktioniert. Obwohl hier wahrscheinlich nur auf eine ältere Concierge oder eine mir unbekannte französische Schriftstellerin angespielt wird, die von einer Zeit erzählt, in der die Straßenbahnen von Pferden gezogen wurden und es “keine Mittel gegen Schlaflosigkeit” gab, evoziert dieser Name den Zusammenhang mit einer Tante Leonie aus der Kindheit des Erzählers in der “Recherche” von Marcel Proust. So ist das mit dem Lesen, gestern eine Erinnerung an Proust, und schon haben die Synapsen im Gehirn den Wunsch, sich zu verbinden. Diese Verbindung kommt jedoch auch nicht ganz von ungefähr. Der nostalgische Blick zurück auf die Kindheit, in der der Mensch noch ursprünglich und unschuldig zu sein schien, ist den beiden Autoren durchaus gemeinsam. Auch in der “Erzählung mit einem tiefen Wasser” klingt die Verherrlichung der Jugend an. Wahrscheinlich ist dieser Blick in der ganzen Weltliteratur verbreitet. Ich schweife ja gern auch einmal ab, und so sei hier vorausgreifend ein Satz der Seite 557 zitiert, die das Haus der Tante Leonie bei Proust auch bei Cortàzar lebendig werden lässt:

“… man mußte sich vielmehr in eine Zone begeben, wo noch einmal das Haus der Kindheit, der Salon und der Garten, in einer reinen Gegenwart erschien, mit Farben wie man sie mit zehn Jahren sieht, ein so rotes Rot, ein Blau, wie in den bunten Glasfenstern im Haus, Grün von Blättern, Grün von Wohlgerüchen, Duft und Farbe eine einzige Gegenwart in Höhe der Nase, der Augen und des Mundes.”

Wenn da mal nicht die bunten Bleifenster der bewunderten Kathedralen oder der Duft der Weißdornhecken oder der Tee und die Madeleine  aus dem Gedächtnis Cortàzars grüßen. Mir bleibt dem nur ein Schwarzweiß-Foto entgegenzusetzen:

Leonie

Das Haus der Tante Leonie in dem realen französischen Ort “Illier”, Vorbild für das “Combray” in Prousts “Recherche”

Das 17. Kapitel hat zwei Schwerpunkte. Einmal eine Diskussion über den Begriff “Dinglichkeit”, hinter dem sich die Erklärung Gregorovius´ verbirgt, das alle Dinge und die Umstände, unter denen Oliveira in Paris leben muss, ihn traurig machen. Als zweiter passt dazu eine Art Hymne an den Jazz, in der die Trompete sogar zu einem Lauf ansetzt, der alle Frauen auf einer Tanzfläche kollektiv diesem Phallussymbol zum Opfer fallen lässt. Mit dem Blues zusammen ist die Universalität der Musik aber auch mehr, sie definiert das Menschsein und ist das Verbindende, das Befreiende der Menschen. Sie ist einerseits in der Lage ein Lebensgefühl auszudrücken, das hieße:

“Es schmerzt ihn die Welt.”

Andererseits lässt der Jazz eine Freiheit, Möglichkeiten zu leben. Deshalb steht am Schluss der Gedanke, sich aus den Zwängen, eine Figur auf dem Schachbrett zu sein, zu befreien. Gerade in der Schule würde ein Freiheitsbegriff gelehrt, der sich “begnügt, Läufer oder Springer zu sein”. Durchdrungen ist der “Blues” der Musik von einem Heimweh nach Argentinien.
Nun frage ich mich, ob ich mich nicht selbst beim Lesen nach dem Wegweiser wie ein Springer auf einem vorgegebenen Schachbrett verhalte. Also werde ich mich befreien. Man kann Cortàzar nicht nacherzählen, ohne das Wesen des Erzählten zu verlieren. Es ist als würde man, obwohl es einen Erzähler gibt, einem “
stream of consciousness” lauschen, ähnlich wie bei James Joyce. Da bleibt etwas, wie schon in der “Erzählung mit einem tiefen Wasser”, das nicht greifbar ist. Jedes Kapitel beinhaltet so viele literarische und philosophische Verweise, dass ich vor der genauen Schilderung einfach kapitulieren muss. Deshalb werden sich meine Beiträge in Zukunft nur noch auf bestimmte Textpassagen beziehen und die Handlung lediglich grob zitieren. Ich habe das Gefühl, wenn ich kapitelweise vorgehe, den Roman eher zu zerstückeln und es hält mich vom Eigentlichen, dem kontinuierlichen Lesen auch ab.

Das Verhältnis Oliveiras zur Maga und ihrem Sohn Rocamadour ist immer mehr belastet. Dabei kommt mir der Protagonist Oliveira vor wie jemand, der in das Bild der Männerrolle der fünfziger Jahre passt. Frauen sind intellektuell unterentwickelt. Kinderbetreuung ist für Männer klare Domäne der Frau. Eine Frau, noch dazu mit einem kranken Kind, wird als Belastung empfunden. Der Mann fühlt sich bei seinen Liebesverhältnissen bedrängt, eine feste Beziehung einzugehen und seine individuelle Freiheit aufgeben zu müssen. Auch eine Frau, die man liebt, weckt Gefühle, die dem damaligen Männlichkeitsbild zu widersprechen scheinen.
Dabei gibt es allerdings eine Diskrepanz zwischen der Figur Oliveira und dem Erzähler. Dieser ist sich der Zwiespältigkeit und der Brüche innerhalb der Liebesbeziehung bewusst und sieht sich daran auch nicht schuldlos. Aber auch das Schuldgefühl des Mannes, seine “Zugeständnisse”, gehören letztlich zur Gefangenschaft seiner Geschlechterrolle.

Proust und Cortàzar, für beide war Paris, was sie klischeehaft für uns noch heute ist, die Stadt der Liebe, einer schmerzlichen Liebe. Gleich werde ich ultrakitschig an der letzten gelben Rosenblüte der “Golden Celebration” riechen, die noch am Schuppen hinter dem Haus einsam blüht. Dann gehe ich in die Garage, steige auf das Fahrrad, wo mir die kalte Winterluft meine Romantik wieder aus dem Gehirn blasen kann.

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