Mario Vargas Llosa: Lob der Stiefmutter Teil 2: Interpretation

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       Mario Vargas Llosa 2010                                                    Angelo Bronzino: Allegorie der Liebe  

Dramatis Personae:

                           Don Rigoberto, Mitte vierzig, stolzer Hausherr, liebender Gatte Lukrezias und Vater von Alfonso
                           Doña
Lukrezia, vierzig, reizvolle Gattin Don Rigobertos und Alfonsos Stiefmutter
                           Alfonso, Fonchito, vorpubertärer zehnjähriger Sohn von Don Rigoberto
                           Justiniana, ca. dreißig, Hausangestellte, Vertraute Lukrezias und Aufsichtsperson für Alfonso

Von Nabokovs “Lolita” kennen wir die Verführungskünste einer weiblichen Minderjährigen und die erotischen Verstrickungen, in die das männliche Geschlecht ob seiner pädophilen Phantasie verwickelt wird. Vargas Llosa stellt in seinem erotischen Roman diese Konstellation auf den Kopf, indem die Verführte eine Stiefmutter und der Verführende der kindlich unschuldige Alfonso ist. Nicht Pädophilie ist hier das Motiv, sondern die Verführbarkeit einer erwachsenen Frau durch die nur unschuldig scheinenden “Verführungskünste” eines männlichen pubertierenden Jünglings. Die Ironie des Autors macht vor keiner der Figuren halt, die nur Stellvertreter für einen menschlichen Liebesreigen sind, vor dem niemand fliehen kann.
Streng konstruiert mit vierzehn Kapiteln, einem Motto und einem Epilog kommt der erotische Roman daher, illustriert durch 6 Gemälde sowohl klassischer als auch modern abstrakter Art. Siehe auch
Lob der Stiefmutter, Teil 1 Die Illustrationen. Wer nun einen vordergründig auf Erregung konzipierten Roman erwartet, wird enttäuscht, so wenig pornographisch die Gemälde sind so wenig wirklich erregend ist die Erzählung. Dies meint aber nur die Erregung im Sinne einer Stimulation bestimmter Körperteile bei der Lektüre. Äußerst erregend ist das Buch auf andere Weise, an mancher Stelle wie der “Verkündigung Marias” sogar ergreifend und dann wieder so realistisch freizügig in seiner ironischen Beschreibung der vielen Reinigungsrituale des Ehemanns. Dabei kommt es sogar zu einer Beschreibung der körperlichen Entleerung, wie ich sie so hautnah bisher noch nie gelesen habe, nicht mal bei Henry Miller. Phantastisch gelungen sind die Beschreibungen der erotischen Träume der Figuren anhand der Gemälde. Das ist schon einzigartig, wie hier Bildbeschreibung zu Prosa wird. Indem er das Geschehen durch die Kunst der Malerei quasi mythisch überhöht, bereichert er das Buch nicht nur visuell, sondern vor allem durch die poetische Sprache. Vargas Llosa verführt den Leser mit psychologischer Erotik. Diese findet im Kopf statt und nicht zwischen den Schenkeln. Die Verführung ist das Thema und sie wird sowohl aus männlicher als auch aus weiblicher Sicht beschrieben. Das der Autor kein Blatt vor den poetischen Mund nimmt, ohne jemals zotige Ausdrücke zu benutzen, möchte ich mit einem Zitat belegen, das die Gedanken Don Rigobertos widergibt, während er schlicht das tut, was wir alle tun, wenn wir mit unserem Hintern auf der Toilettenschüssel sitzen und vielleicht auch unseren Geräuschen dabei zuhören müssen. Don Rigoberto legt sein Ohr auf den Bauch seiner Frau:

“Er dachte daran, wie er sich in wenigen Augenblicken an den gedämpften, flüssigen Verlagerungen begeistern würde, die seine Ohren erhaschten, wenn sie sich begierig auf ihren Magen drückten, und er hörte schon jetzt das anmutige Kollern dieser Blähungen, den fröhlich krachenden Furz, das Gurgeln und Gähnen der Vagina oder das matte Rekeln ihrer Eingeweideschlange.”

Der reine Plot sei kurz erzählt:

Poussin_InspirationDer junge Alfonsito verführt oder wird von der zweiten Frau Don Rigobertos, der titelgebenden Stiefmutter verführt. Der Junge betätigt sich als Voyeur, was die vierzig Jahre alte Stiefmutter als nicht unangenehm empfindet. Sie ist verstört darüber, das die Nachstellungen des Jünglings, die sie zwar als Mutter verurteilt, auf sie dennoch lustvoll wirken und ihren Körper reizen. Trotz des sexuell erfüllten Ehelebens mit Don Rigoberto, kommt es schließlich dazu, das ihr Stiefsohn zumindest seine sexuelle Unschuld bei ihr verliert. Der sich in Liebesdingen als paradiesischer Unschuldsengel präsentierende Alfonso schreibt dieses Erlebnis auf und gibt es anscheinend völlig absichtslos, weil er den Vater nicht belügen will, diesem zum lesen. Entsetzt wendet sich der wütend eifersüchtige Ehemann nun von seiner der “inzestuösen” Sünde verfallenen Ehefrau ab. Untreue und Betrug der als Besitz angebeteten Frau. Er wirft sie aus der Wohnung und der Familie. Im Epilog erst wird dann

Nicolas Poussin:
Inspiration des Dichters

die Perfidität deutlich, mit der Alfonsito wie ein unschuldiger Teufel seine Stiefmutter auf diese Weise bestrafen und loswerden wollte. Der Roman endet damit, dass er schon wieder der einzig weiblich verbliebenen Hausangestellten Juanita an die Wäsche zu gehen versucht, der er auf Nachfrage beichtet, er hätte seine Intrige für sie getan, worauf diese vor soviel diabolischer Energie verzweifelt flieht:

“Als sie draußen im Flur war, hörte sie Fonchito abermals lachen. Nicht sarkastisch, auch nicht spöttisch angesichts ihrer Scham und Empörung. Mit unverfälschter Fröhlichkeit, wie belustigt über einen Scherz. Frisch, entschieden, gesund, kindlich, überdeckte sein Lachen das Geräusch des Wassers im Waschbecken, erfüllte die ganze Nacht und schien bis zu den Sternen emporzusteigen, die endlich einmal sichtbar waren am lehmfarbenen Himmel Limas.”

In dem Charakter des Jünglings liegt auch der Abgrund und die Beunruhigung des Lesers. Können halbe Kinder schon berechnende kleine Verführer sein und sind Frauen Jünglingen gegenüber etwa auch einer Art Pädophilie fähig? Schnell denkt man an den Ödipuskomplex, aber die Irritation bleibt, ob Erotik an der Schwelle des Erwachsenen nicht auch mit boshaften, negativen Absichten verbunden sein kann. Die reine Unschuld des Kindes wird in Frage gestellt. Eigentlich befindet sich Alfonsito als Zehnjähriger nicht mehr in der von Freud angenommenen ödipalen Phase, in der in diesem Fall nicht die leibliche, sondern die Stiefmutter das Objekt der Begierde ist. Das klassische ödipale Dreieck bestände aus der wirklichen Mutter. Das kindlich Gemeine steckt in der Absicht, die Stiefmutter nur mit dem Ziel zu verführen, sich dafür zu rächen, dass sein Vater eine neue Frau genommen hat. Das Ödipale daran ist verständlich, die zielgerichtete Boshaftigkeit aber erinnert an die Fähigkeit von Kindern, auch einfach unbewusst grausam zu sein und damit anscheinend abgrundtief böse. Fehlende Sozialisation könnte man vereinfacht sagen, der Bengel gehört übers Knie gelegt, da es sich aber um ein Kind handelt, fällt eine vorbehaltlose Schuldzuweisung dennoch schwer.

Vargas Llosa sieht das Kind nicht nur als harmlose Putte mit den Pfeilen Amors ausgestattet. Der pubertierende Jüngling beherrscht zur Erlangung seiner Ziele geradezu teuflische Schachzüge.
Die vom Autor geschilderte Erotik beschäftigt sich mit ihren psychischen Phänomenen. Sie hat einen völlig anderen Blick auf die Sexualität als die Pornographie. Wo die eine den starren Blick des jeweiligen Geschlechts befreien will, macht die andere ein oberflächliches Tauschgeschäft daraus. Die strikte Unterscheidung zwischen Erotik und Pornographie macht Vargas Llosa nicht als Moralist. In der Figur des Alfonso mischt er insofern diese Antagonismen, als die kindliche Unschuld zur Attraktion für die Mutter wird, jedoch mit einer perfiden Strategie gepaart, die Stiefmutter zu loben, um sie gleichzeitig für immer los zu werden.
Mir hat das sprachlich künstlerische Niveau dieses poetisch-erotischen Romans sehr gefallen.

Vorangestelltes Motto in “Lob der Stiefmutter”

Man trage seine Laster wie einen Königsmantel, ohne Hast.
Wie eine Aureole, deren man sich nicht bewusst ist, die man nicht zu sehen vorgibt.
Nur bei lasterhaften Wesen verschwimmt der Umriss nicht im glasigen Schmutz der Atmosphäre.
Die Schönheit ist ein Laster, ein herrliches Laster der Form.

César Moro, peruanischer Dichter und Maler (1903-1956)

HAY QUE LLEVAR LOS VICIOS…
Hay que llevar los vicios como un manto real, sin prisa.
Como una aureola que se ignora, que se aparenta no percibir.
No tiene sino los seres viciosos cuyo contorno no se esfuma en el barro hialino de la atmósfera.
La belleza es un maravilloso vicio de la forma.

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