Alfred de Musset: Mimi Pinson. Die Illustrationen

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Ein bisschen verschroben komme ich mir schon vor, mich so eindringlich mit den beiden Grisettennovellen Alfred de Mussets zu beschäftigen und noch dazu an diesen Nachkriegszeichnungen so Gefallen zu finden. Können denn diese romantischen, konventionell erzählten Novellen mit moderner, postmoderner, ja post-post-moderner Wirklichkeitsauseinandersetzung überhaupt noch mithalten. Ein Gruß aus einer fernen Zeit am Anfang des 19. Jahrhunderts. Aber wenn der bibliophile Geist erst einmal erwacht ist, scheint er sich nicht mehr bremsen zu lassen. Mein Verstand muss sich verstiegen haben oder vielleicht doch nicht? Zu beiden Novellen  werde ich auch noch einen Interpretationsteil schreiben. Im Moment reizen mich die illustrierten Bücher, im Kopf werden ohnehin alle Texte auch ins Visuelle überführt. In Prousts Texten versucht auch vieles bildhaft zu werden. Auf die Ähnlichkeit der psychologischen Beschreibung des menschlichen Gefühlslebens sei nur kurz hingewiesen. Im Augenblick aber lasse ich die Kleider der Grisetten rauschen mit ihren lockigen Frisuren und kleinen Häubchen.

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Die beiden Grisetten, allein geblieben und wahrscheinlich etwas verdrießlich, daß man   sie warten ließ, hatten angefangen es sich bequem zu machen; sie hatten ihre Schals   und ihre Häubchen abgenommen und tanzten singend einen Kontertanz, nicht  ohne   von Zeit zu Zeit versuchsweise den Vorräten die Ehre zu erweisen. Mit schon   glänzenden Augen und erregten Gesichtern hielten sie fröhlich und ein wenig außer    Atem an, als Eugen sie mit schüchterner und zugleich überraschter Miene begrüßte.

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Als er gerade umkehren wollte, kam aus einem alten Haus eine Frau in einen alten   Morgenrock gehüllt, mit unbedecktem Kopf und wirren Haaren heraus, bleich und    abgemagert. Sie schien so geschwächt, daß sie kaum gehen konnte, ihre Knie wankten,   sie hielt sich an der Mauer fest und wollte scheinbar zu einer gegenüberliegenden Tür    gehen, an der sich ein Briefkasten befand, um dort einen Brief einzuwerfen, den sie in    der Hand hielt. Überrascht und erschrocken ging Eugen auf sie zu und fragte sie, wohin    sie wolle, was sie suche, und ob er ihr helfen könne. Gleichzeitig streckte er den Arm   aus, um sie zu stützen, denn sie war nahe daran, über den Bordstein zu fallen.

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Anstelle eines Kleides trug sie einen dunklen Kattun-Unterrock, halb verdeckt von einem  grünen Serge-Vorhang, aus dem sie sich so gut wie möglich einen Schal gemacht hatte .  Aus diesem sonderbaren Aufputz, der übrigens seiner dunklen Farbe wegen gar nicht   auffiel, schauten ihr Kopf, anmutig mit ihren weißen Häubchen geziert, und ihre kleinen   Füße, die in Halbschuhen steckten, heraus. Sie hatte sich mit soviel Geschick und   Achtsamkeit in ihren Vorhang eingehüllt, daß er tatsächlich einem alten Schal glich, und   daß man kaum die Borte sah. In einem Wort, sie brachte es fertig, auch in diesem alten   Plunder noch zu gefallen, und einmal mehr der Welt zu beweisen, daß eine hübsche   Frau immer hübsch ist.

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