Giorgio Vasari, Giulio Romano und eine Postkarte

camera sala di psiche_web
Electa art postcards. Giulio Romano, Mantova, Palazzo Te, Palazzo Ducale
2 settembre – 12 novembre 1989. Venere, Banchetto della sala di Psiche

Heute fand ich in meinen “Schuhkartons” eine alte Postkarte, die mich an Zeiten erinnerte, in denen ich einer anderen Dame den Hof machte als heute. Damals schrieb sie mir eine Postkarte mit einem Motivausschnitt der Fresken im Palazzo del Te vom “Banchetto della sala di Psiche” in Mantua. Es war eine Anspielung auf unser erotisches Verhältnis, aber auch auf eine Ghost-Writer-Tätigkeit, die ich für sie, die Romanistik und Geschichte studierte, übernommen hatte. Eine schriftliche Seminararbeit über Giorgio Vasari.  Nur so ist das witzige Rollenspiel der Postkarte zu verstehen, in dem sie in die Rolle Giorgio Vasaris (1511 – 1574) schlüpfte, der scheinbar mit seinem Freund Giulio Romano (1499 – 1546) zusammen in Mantua weilt. Seit dieser Zeit fasziniert mich die kunstgeschichtliche Epoche der Renaissance. Dieses Interesse bei mir geweckt zu haben, erscheint mir heute wie ein dankbareres Überbleibsel einer längst ad acta gelegten “Affäre”, als diese selbst.

Carissimo amico,
ti spedisco i più cordiali saluti del mio viaggio d´arte con saggiorno intensivo a Mantova.
Ti saluta anche Giulio Romano
, amico intimo e artista splendida!
Ti raconto molto quando tornerò.
Tuo amico G. Vasari

Im Wagenbach Verlag erscheint die “Edition Giorgio Vasari” seit 2004 und es gibt selbstverständlich auch einen Band über Giulio Romano. Denn 1550 erschien die erste Auflage der großen italienischen Künstlerbiographien aus drei Jahrhunderten unter dem Titel “Le Vite de‘ più eccellenti architetti, pittori, et scultori italiani, da Cimabue infino a‘ tempi nostri”. Vasaris Lebensbeschreibungen waren nicht nur für die Periodisierung kunstgeschichtlicher Epochen bestimmend (er benutzte schon zu diesem Zeitpunkt den Begriff “Renaissance” oder auch “Manierismus”), sondern sie würdigten auch das neu entstandene Bild der in allmählich gehobenerem Ansehen stehenden Künstlerpersönlichkeit mit ihrer ausgeprägten Individualität. Allerdings hat der Begriff Künstler nicht die heutige Bedeutung, sondern der Künstler wird als geradlinige, moralisch einwandfreie Persönlichkeit voll Schaffensfreude und Ordnungssinn idealisiert, war aber weniger Spiegel für gesellschaftliche noch menschliche Unzulänglichkeiten. Sie zeugen von einer eher gereinigten Kunstauffassung, die das Leben schlechthin als eine nur gut zu bewältigende Aufgabe sah. Seine Bildungsreisen führten ihn in zahlreiche italienische Städte und in Mantua bewunderte er zum Beispiel die Werke seines Freundes Giulio Romano. Wie dieser war auch er gleichzeitig Maler und Architekt. Er zeichnete für den Umbau des Palazzo Vecchio in Florenz verantwortlich, während Giulio Romano den Palazzo del Te in Mantua baute und ausmalte. In der Interdependenz der verschiedenen Künste spiegelt sich auch ein Aufbrechen ihrer traditionellen Hierarchie in der Renaissance wieder.

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