Gipfeltreffen auf der anderen Seite

kubin_kriegAlles war vergänglich, schmolz wie Schnee. Weder Hans Castorp noch Ulrich hatten vor hundert Jahren gewusst, dass in drei Jahren der große Krieg ausbrechen würde. Der erste, der sich später das Attribut “Welt” voranstellen durfte. Jetzt war das elfte Jahr des zweiten Jahrtausends angebrochen und die Welt taumelte immer noch. Diese Bühne aber ist zu groß für die kleine Begebenheit, von der ich zu erzählen habe.

Ulrich hatte im Dachzimmer seiner Berliner Mietwohnung gestanden und einen  Blick auf das Gerät geworfen, mit dem man im 21. Jahrhundert durch miteinander verbundene Kabel in Bild und Text
mittlerweile selbstverständlich kommunizierte. Briefe hatten sich lediglich in der Geschäftswelt einigermaßen  erhalten. Der Raum, der gedanklich zur Verfügung stand, hatte sich ebenfalls globalisiert, schien ins Unendliche zu wachsen. Nur die Gedanken selbst waren nichts als kleine glitzernde Schneeflocken, die im Augenblick, wo sie den Boden berührten, ihre Existenz schon wieder aufgaben.

Er sah nachdenklich über den Schreibtisch hinweg aus dem Fenster, wo lange Eiszapfen erstaunlich groß von der Dachrinne herunter hingen. Diese flüchtige Welt des bunten Bildschirms stellte virtuelle Verbindungen her. Die junge Frau, die er im Zug getroffen hatte, mit der er sogar in Paris einen kurzen Besuch bei einem Julio oder Oliveira gemacht hatte, der “Vom anderen Ufer” schrieb, würde auch bald ihren ersten Roman veröffentlichen. Sie sehnte sich immer noch nach einem klugen, “mittelschönen” Mann und er wünschte ihr Erfolg mit dem Buch und bei ihrer Suche. In einem Zugabteil hätte es ja beinahe schon mit gleich zwei Aspiranten geklappt. Aber solange der “Idealgigolo” noch nicht gefunden war, galt das rumänische Sprichwort: “Daca n’ai ce-ti place, sa-ti placa ce ai” – Wenn du nicht das hast, was du möchtest, solltest du das mögen, was du hast.

In der Literatur hatten schon viele junge Männer in Zügen gesessen. Nicht nur sein Zeitgenosse Hans Castorp war zur Kur in die Berge gereist, Jahre später war ein anderer junger Mann einsam in einem Abteil zu einer Insel „auf der anderen Seite der Welt“ unterwegs. Mit der „anderen Seite” musste es in der Literatur eine besondere Bewandtnis haben. Fast zur gleichen Zeit wie sein Erfinder Robert ihn seine Abenteuer bestehen ließ, hatte ein anderer Künstler, Alfred Kubin, einen Roman “Die andere Seite” geschrieben. Literatur will immer hinüber, über etwas hinaus und ist doch etwas, das auch immer nicht über sich hinauskommt. Das war nur scheinbar ein Widerspruch, denn die Wirklichkeit war selbst schon ein gespiegeltes Zeichen. Ohne Wahrnehmung war sie nicht erfahrbar und alles zeigte immer auch auf anderes und gleichzeitig auf sich selbst zurück.

Forster_webslevogt_dame_am_meerWas konnte man nicht alles entdecken im Netz der unbegrenzten Möglichkeiten, da gab es die Dame am Meer oder aus dem See, die mit den Größen des 18. Jahrhunderts wie Hogarth, Lichtenberg, Kant und Forster jonglierte, ohne deren männlichen Blick jemals aus den Augen zu verlieren. Da griff man gern nach der “Reise um die Welt”, um mit ihren Gedanken mitzufliegen. Ein “Schubladentext” fand sich überraschend in einem Kommentar, der auf gar keinen Fall in einer solchen bleiben sollte, weil er eine Atmosphäre entfaltete, die an die desillusionierte Haltung von Film-Noir-Helden erinnerte, ein melancholischer Detektiv im Kampf gegen die Verkrustungen der Schrift, der Literatur, des Lebens?

 Wörter ließen Flügel wachsen und man konnte zu einem Eisvogel oder einem Eiszapfen werden. Ulrich filmte die langen Eiszapfen vor seinem Fenster und da, plötzlich, der Sturzflug eines Vogels. Warum stürzte der Engel gerade in diesen Sekunden vom Himmel? Traf ihn eine Nadelspitze des Eises oder regiert nur Freund Zufall die Welt? Ulrich erwischte sich bei dem Gedanken, dass sie alle irgendwann einmal, wie Ikarus und der schwarze Vogel, vom Himmel fallen würden. Reisende auf Zeit im Zug auf die andere Seite.
Alles war vergänglich, schmolz wie Schnee.

 

(Literarische Begegnungen der dritten Art. 7)

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