Alfred de Musset: Lektüreeindrücke zu “Frédéric und Bernerette” und “Mademoiselle Mimi Pinson”

eugene-louis-lami-la-nuit-de-mai-illustration-from-les-nuits-by-alfred-mussetDie beiden Grisettennovellen Alfred de Mussets gehören heute kaum noch in den Kanon der französischen Literatur, in dem sie “bleibende literarische Geltung” (1) beanspruchen dürften. In Erinnerung bleibt Musset in erster Linie durch seine Lyrik und Theaterstücke. Die beiden kurzen Erzählungen wirken zu idealisierend, romantisch brav und in ihrer Moral leicht angestaubt. Trotzdem werfen sie einen Blick auf eine Konstellation zwischen einer bestimmten weiblichen Figur und der männlichen Beziehungsrolle zu ihr in einer kurzen Periode französischer Kultur der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die sich als  literarisches Sujet in immer veränderter Form erhalten hat. Der gutsituierte, begüterte Student befindet sich in einer Liebesbeziehung oder Liaison zu einer weniger gebildeten und sich mit einfacherer Arbeit  durchschlagenden jungen Frau. Erst der soziale Unterschied ermöglicht eine Faszination und Anziehung auf beiden Seiten, die sich in einem Gefühl romantischer Liebe entladen muss. Die junge Frau wird in ihrer Schönheit und Anziehungskraft, aber auch moralisch, als einer Göttin gleich, auf einen Sockel gestellt, während der junge Mann durch Bildung, Jugend und letztlich auch Geld zu beindrucken weiß. Wenn man gemeinhin davon spricht, dass sich Gegensätze in der Liebe anziehen, so ist dafür ein unterschiedliches soziales Milieu ebenfalls mitverantwortlich. Eine kurze Erzählung Aldous Huxleys “Das Genie und die Göttin” kommt mir dabei mit ihrem Titel in den Sinn, die ich zur Lektüre nur erneut empfehlen kann. Die Gesellschaften mögen sich seit dem 19. Jahrhundert oder den siebziger Jahren der Dissertation von Jutta Lietz verändert haben, das menschliche Gefühl der Liebe aber bleibt literarisch, soziologisch und psychologisch immer von Interesse. Die romantische Liebe hat sich soziologisch betrachtet erst spät, seit zwei oder drei Jahrhunderten, zu einem ziemlich neu entdeckten Gefühl zumindest in der Hinsicht, eine Lebensgemeinschaft wie die Ehe darauf zu gründen, gemausert. Davor und auch heute noch spielen materielle Überlegungen oder gesellschaftliche Vorteile bei der Auswahl des Partners, ob bewusst oder unbewusst, weiterhin eine mitentscheidende Rolle. Das Bild der Frau, in die man verliebt ist, zu idealisieren, war aber immer schon Teil der männlichen Minne, wenn sie ernst gemeint war oder zumindest als solche empfunden wurde und nicht nur sehr kurzlebigen Libidoreduktionen galt.

Die beiden Novellen stellen die nie veraltende Frage, ob ein Gefühl wie die Liebe gesellschaftliche Schranken, Klassenzugehörigkeiten, überwinden kann. Musset gibt darauf in “Frédéric und Bernarette” eine ernüchternde Antwort, indem er die Novelle tragisch mit dem Tod Bernerettes enden lässt, deren Liebe erst in einem posthumen Abschiedsbrief ihre  Aufrichtigkeit in einer geschickten erzählerischen Konstruktion beweist und damit die beabsichtigte moralische, beinahe mythisch, romantische Überhöhung erhält. In “Mimi Pinson” dagegen wird der Tod nur als ein mögliches Schicksal der Grisetten aus Krankheit und Elend ohne die Protektion reicher Verehrer angedeutet. Am Ende überwiegt dort die kokette Seite, in dem Rougette und Mimi Pinson, durch die Zuwendung des studentischen Verehrers und durch das buchstäblich letzte Hemd Mimis gerettet, wieder gemeinsam im Café Tortoni sitzen. Aber auch in dieser Novelle geht es bei der Hauptperson Mimi um ihre zwar in Frage gestellte Moral, letztlich aber darum, die Frauenfigur zu idealisieren und Grisetten als moralischer darzustellen, als ihr Ruf zur damaligen Zeit gewesen zu sein scheint. Literarisch, psychologisch und soziologisch hat dabei “Frédéric und Bernarette” (1838) einiges mehr zu bieten, als die nicht nur kürzere, sondern auch literarisch schlechtere “Mimi Pinson” (1845). Die ältere Novelle zeichnet sich dabei durch eine sich entwickelnde Handlung und durch feinere psychologische Zeichnung aus. Beide sind jedoch noch tief in der romantischen Epoche verwurzelt. Mit den aus ganz anderer Perspektive gesehenen Frauenfiguren des nur zehn Jahre jüngeren Baudelaire wird nicht viel später die Moderne anbrechen. Der Dichter des Cénacle Musset idealisiert hier nicht nur die soziale Figur der unbedeutenden, mittellosen Grisette, sondern besingt die selbst den Tod besiegende romantische Liebe. Dass er dies jedoch nicht nur schwelgerisch feiert, sondern auch das Gefühlsleben beider Geschlechter und ihre moralischen und materiellen Beweggründe detailreich beschreibt, bleibt das Verdienst dieser Erzählungen. Sprachlich wirken sie an mancher Stelle etwas antiquiert, sind vermutlich im Original logischerweise genießbarer.

Heute lässt der Romantiker Liebe und Glück nicht nur als über den Tod hinaus gedacht, sondern auch als etwas Temporäres gelten. In der Erinnerung gibt es immer nur Augenblicke des Glücks, d. h. Gefühle werden per se als vergänglich dargestellt. Wenn man an ihnen festhält, erscheinen sie oft als ausweglos und zum Scheitern verurteilt. Im Falle Bernerettes bleibt bei Musset eine Schuld zurück, die nicht mehr eingelöst werden kann.

Der dichterische Impuls des männlichen Romantikers entspringt aber auch heute noch einer oft diffusen Verehrung des Weiblichen, des geliebten Gegenübers. Lediglich die Ausprägung dieses Sehnens nach der fehlenden Hälfte hat sich seit der Romantik in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geändert und variiert in wechselnder Gestalt. Erst kürzlich unternahm Alban Nikolai Herbst den Versuch in einem Hörstück aus Stimmen und Musik diese historische Entwicklung widerzuspiegeln. Wobei für meinen Geschmack die Gefahr des Romantikers immer darin besteht, von Natur aus ins Pathos abzugleiten.

Aber auch meine Beschäftigung begann nur mit dem “Hängenbleiben” an einem romantischen Titelblatt von sechzig Jahre alten Miniausgaben dieser Novellen. Die Welt der Logik kann faszinieren, lässt unser Herz aber relativ kalt. Gut, wenn wir bei aller Logik und Sachlichkeit, das romantische Sehnen, den romantischen Impuls, nicht verlernen.

(1) Jutta Lietz: Studien zu den Novellen Alfred de Mussets. Diss. Hamburg 1971

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