Lose Gedanken 1

Wassertropfen  

In meinen Augen ertrank die Welt, sie spiegelte sich an der Oberfläche des Wassertropfens, der sich schwerfällig und langsam von dem alten Wasserhahn löste. In der mit warmem Wasser gefüllten Badewanne sitzend, träumte ich schlaff wie in Watte gepackt. Meine Träume, die einmal das Sprungbrett des Unmöglichen, Wirklichkeit zu werden, sein wollten, waren einer diffusen Melancholie gewichen. Draußen heulte der Herbstwind und blies das vertrocknete Laub von den Bäumen. Die bunten Wäscheklammern strahlten mich in ihrer farbenfrohen Nützlichkeit an, ein Existenzrecht, das ich für mich selbst bezweifelte.

Ein Paar grauer Schuhe stand verloren im Zimmer herum. Unausgefüllt wie mein Leben, schienen sie mir zu sagen, während ich sie trostlos auf dem Sofa sitzend betrachtete. Die Zigarettenasche roch unangenehm, das Telefon klingelte nicht. Diese stumpfsinnige Lautlosigkeit ließ die Gedanken ins Leere laufen. Unwillkürlich dachte ich an Männer, an den Duft eines Drei-Tage Bartes. Sex hatte etwas unerhört Anziehendes in einem Leben voller Eintönigkeit. Honig, an dem man naschen musste, der das Gefühl gab, lebendig zu sein, Höhepunkte zu erleben, die indes gar keine waren.

Ich lenkte mich mit dem Gedanken an den kleinen See ab, der in einiger Entfernung vom Haus sich anbot, ihn mit meinen beiden Hunden während eines kurzen Auslaufspaziergangs zu umrunden. Ohne die Autobahn, die dicht an ihm vorbeiführte, wäre der See idyllisch gewesen, wie er so im nebligen Dunkel lag. Aber das Getöse der Motoren, diese unablässig an- und abschwellende Geräuschkulisse, zerstörte, was sonst ein Bild der Ruhe hätte sein können. Das herbstlichbraune Laub raschelte manchmal unter meinen Füßen. Der Herbst war die Jahreszeit der Vergänglichkeit, der melancholischen Erinnerungen, der einsamen Spaziergänge, der Schönheit des Unterganges, der immer wiederkehrenden Vergeblichkeit, des Todes. Der Tod schien endgültig und doch notwendig zu sein um etwas Neues, einen neuen Anfang zu schaffen. Gedanken wuchsen mit Wörtern zu weißen Perlenketten, nichtssagenden Aneinanderreihungen und waren Versuche, das Banale schöner zu machen. Vielleicht sogar das Unaussprechliche zu sagen, endlich das Zauberwort zu finden, in dem die Welt und das Leben Platz hätten.

Ein Blick aus dem Fenster um Mitternacht, eine Grille so laut wie das entfernte Rauschen der Autobahn. Eine leere Straße, Häuser mit wohlgepflegten Gärten und ich schaue herab auf diese scheinbare Idylle. Ein bisschen schräg von oben, aus der Film-Noir-Perspektive beobachtend. Gut, dass man meine Unkrautwiese hinter dem Haus nicht so sieht, vielleicht nähme man sie für ein Zeichen, das auf die im Kopf verweist, die aus allerlei Gefühlen. Fassaden nehmen wir also sogar mit ins Bett, obwohl man sie allen anderen mit provokativem Schweigen vor die Füße werfen müsste. Was ist das auch für ein Schönheitsbegriff, der vom Verstecken lebt? Aber morgen werde ich mich ungern an Mitternacht erinnern, an meinen Blick aus dem Fenster und mir lieber eine neue Tube Makeup kaufen.

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