Das Geschenk, Kapitel 1, Das Wesen der Wörter, S. 3/4


S. 1/2, siehe hier 

Die Stimme des Arztes der Transplantationsambulanz klang sachlich im Hörer an seinem Ohr und berichtete, dass möglicherweise ein Organ für ihn gefunden sei. Dieser Anruf beendete zweieinhalb Jahre Warten. Worauf, auf die Erlösung, eine neue Hoffnung? Auch die Angst und der Zweifel an diesem Eingriff zogen sich wie ein roter Faden durch diese Zeit. Die zermürbende Angst verband sich mit dem Wunsch, vielleicht doch ohne Operation davonzukommen. Sind wir nicht immer Flüchtende, laufen vor uns selbst und notwendigen Entscheidungen davon, schieben sie auf? Diesmal hatte er keine Chance mehr zum Weglaufen, es war buchstäblich seine letzte am Leben zu bleiben, auch wenn er selbst dies nicht so wahrnahm oder nicht wahrnehmen wollte. Dieser erste Anruf kam um 16 Uhr am Nachmittag. Man würde sich wieder melden und mitteilen, wann die Anreise erfolgen sollte. Nun brachen die Stunden der Ungewissheit an. Es konnte sich alles auch noch als blinder Alarm herausstellen. Irgendwo war also ein Mensch gestorben, aber nicht ohne ihm etwas Wertvolles zu hinterlassen. Die Lethargie und Schwäche, der gelbe Schleier in den Augen wich der Notwendigkeit zu handeln, der vorhandenen Angst gefasst zu begegnen. Die Kugel hatte zu rollen begonnen, die Maschinerie lief lautlos an einem anderen Ort. Das Organ musste entnommen und an seinen Bestimmungsort womöglich per Hubschrauber gebracht werden.

Der nächste Anruf zum sofortigen Aufbruch kam um elf Uhr abends. Der Rolli mit dem Nötigsten war gepackt, jetzt wurde der Krankentransport angerufen. Nach kaum einer Viertelstunde stand der große rotweiße Transporter des Arbeiter-Samariter-Bundes mit Blaulicht vor dem Haus. Zwei Sanitätskräfte meldeten sich und er stieg selbstständig in einen in der Mitte der Ladefläche angebrachten breiten Krankentransportsessel. In der vorderen Fahrerkabine setzte sich seine Frau auf den Beifahrersitz, hinten zu ihm stieg der zweite Sanitäter. Eine halbe Stunde dauerte die Fahrt ins Krankenhaus. Die Aufregung ließ ihn freimütig über seine Krankengeschichte erzählen und die Arbeitsbedingungen der Helfer waren ablenkende Gesprächsthemen. Zuerst ging es in die Notaufnahme zu einem kurzen Röntgencheck. Dann irrten die beiden Rettungskräfte auf dem riesigen Gelände hin und her, um die Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie zu finden, was kein leichtes Unterfangen war bei dem großen Gelände, das den Eindruck einer Kleinstadt vermittelte. Station 85 war nach einigem Suchen das Ziel, wo er erneut aufgenommen wurde und man sich von den beiden Männern des Krankentransportdienstes verabschiedete.

Die Station machte einen ruhigen, beinahe leeren, nächtlichen Eindruck. Neben dem Neonlicht wurden sie von der diensthabenden, agilen Schwester und einem großen, kräftigen Pfleger mit gutmütigem Teddybär-Gesicht empfangen. Für sie war diese Ankunft Routine. Der Arzt sollte etwas später kommen. Ihnen wurde der Komfort eines zufällig freien Zweibettzimmers zum Warten angeboten, nachdem sie in einer Art Aufenthaltsraum einen Fragebogen ausgefüllt hatten. Die Schwester rasierte den Bauch gründlich, der schließlich eintreffende Arzt kontrollierte noch einmal per Ultraschall, ob das auszutauschende Organ noch seine bald überflüssig werdende Arbeit zumindest teilweise verrichtete. Er wurde darüber aufgeklärt, dass das neue Organ zwar bereits eingetroffen sei, aber noch einer abschließenden eigenen Kontrolle unterzogen werden musste. Nun sollte es, wenn es  in allem den Anforderungen entsprach, seine Arbeit an anderer Stelle fortführen.

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