Das Geschenk, Kapitel 1, Das Wesen der Wörter, S. 4/5


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Bestenfalls wird man diese vergilbten Seiten irgendwann auf einem verstaubten Dachboden finden. Jemand kramt in alten Sachen und wird seltsam erschrocken sein. Alles wovon diese Hefte handeln, die ich nach den weißen Bänden einer unvollständig gelesenen Lichtenbergausgabe in einem meiner Bücherregale Sudelbücher nenne, wird Vergangenheit sein. So wie eine Liebe, die unweigerlich gestorben ist. Der Finder wird aufpassen müssen, dass aus den Bildern der Vergangenheit nicht eine Spur Traurigkeit aufsteigt, die ihn gefangen nimmt. Als ob sein Kopf vor Melancholie zu einem schweren Stein würde, wie es mir manchmal ergeht, wenn ich meine, mein Kopf würde herunterfallen wie ein abgeschlagenes Haupt. Einmal sah ich, wie die Hände meinen Kopf vor den Bauch hielten, aus dem Halsstumpf tropfte Blut, aus meinen Augen liefen salzige Tränen. Es gibt eine Schuld, von der man sich nicht befreien kann, etwas was man sich selbst nicht verzeihen kann, aber ich greife vor. Zunächst muss das Bild, das ich von Ulrich zeichnen will, plastischer werden. Bevor ich weiter von seinen letzten Monaten berichte, will ich einen ersten Blick in sein Familienalbum werfen.

Ich schlage sie also auf, diese erste Seite des braungenarbten Fotoalbums aus Lederimitat. Die darin enthaltenen schwarzen Seiten werden immerhin am linken Buchrückenrand von einem echten Lederriemchen zusammengehalten, dem man sogar eine kleine goldene Schnalle spendiert hat. Die Fotos darin sind nach schnellem Durchblättern alle schwarzweiß und werden durch dünne halb durchsichtige Pergamentfolien geschützt. Das erste Foto zeigt eine große Hochzeitsgesellschaft. Manchmal glaube ich, auf diesen Fotos nicht das Wesentliche zu erkennen, aber je länger ich sie mir anschaue, desto mehr scheinen sie mir zu verraten oder sagen zu wollen.

Der Ausschnitt eines Fotos, das seine Eltern und ihn selbst auf einem Ausflug zeigt, kommt mir plötzlich wie ein Gemälde oder eine Zeichnung von Edward Hopper vor. Zwei Damen bestaunen den Rheinfall bei Schaffhausen. Das Foto ist ein ganz gewöhnliches Urlaubsfoto seiner Eltern. Mein Befund: Massenware langweilig. Aber diese clip_image002unbekannt bleibenden, geheimnisvoll ins Nichts schauenden Damen mit ihren strengen Frisuren jener Zeit. Beide tragen sie Handtaschen, die eine in Hut und Mantel ist vielleicht die Ältere oder gar die Mutter der anderen? Der Jüngeren wurde es zu warm, sie steht dort in weißer, ärmelloser Bluse, die Strickjacke unterm Arm. Sie werden für immer gesichtslos bleiben, ihre Gesichter dem schäumenden Wasser zugewandt. Was fasziniert mich, der Blick in den Abgrund oder das namenlose, gesichtslose Geheimnis?
Fotografien können sich nicht selbst mit Worten beschreiben, so werde ich sie in Bausteine oder Sandkörner eines zerrinnenden Buches verwandeln, wie das Sandbuch eines Argentiniers, das alles an sich zieht und über alles hinweg läuft. Fotos, Filme, Bilder, Erinnerungen, ich lebe im Meer meiner Gedanken, die sich aber immer mehr mit Ulrichs ganzem Leben beschäftigen und doch wird jede Beschreibung unzulänglich bleiben.
Ein Charakteristikum der Wörter ist ihre Unvollkommenheit.

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