Montagsbeschäftigung: Seite 1

Roberto Bolaño: Gómez Palacio

Nach Gómez Palacio ging ich in einer der schlechtesten Phasen meines Lebens. Ich war dreiundzwanzig Jahre alt und wusste, dass meine Tage in Mexiko gezählt waren.
Mein Freund Montero, der für die Kunstakademie arbeitete, hatte mir einen Dozentenjob in der Schreibwerkstatt von Gómez Palacio besorgt, dieser Stadt mit einem schrecklichen Namen. Die Anstellung brachte zunächst eine Rundreise mit sich, um mit den von der Kunstakademie in dieser Region verbreiteten Schreibwerkstätten vertraut zu werden. Fängt wie ein Urlaub im Norden an, sagte mir Montero, anschließend kannst du zum Arbeiten nach Gómez Palacio gehen und all deine Sorgen vergessen. Ich weiß nicht, warum ich akzeptierte. Ich wusste, dass ich unter keinen Umständen in Gómez Palacio hängen bleiben würde. Ich würde keinen Literaturkurs in irgendeinem verlorenen Kaff im Norden Mexikos leiten.
Eines Morgens verließ ich Mexiko Stadt in einem Bus vollgestopft mit Leuten und begann meine Tour. Ich blieb in San Luis Potosí, in Aguascalientes, in Guanajuato, in Léon, die Reihenfolge mag falsch sein und weder weiß ich in welcher Stadt ich zuerst war, noch wie viele Tage ich mich dort aufhielt. Dann blieb ich noch in Torreón, in Saltillo und in Durango.
Schließlich, in Gómez Palacio angekommen, besuchte ich die Einrichtungen der Kunstakademie und machte mich mit jenen bekannt, die meine Schüler sein sollten. Trotz der Hitze war ich ständig am Zittern. Die Direktorin, eine glupschäugige Frau, mollig und mittleren Alters und ein großes mit beinahe allen Blumen des Landes bedrucktes Kleid tragend, brachte mich in einem Motel am Rande der Stadt unter, ein grässliches Hotel in der Nähe einer Autobahn, die nirgendwohin führte.
Vormittags holte sie mich jedes Mal ab. Sie hatte ein riesiges, himmelblaues Auto und einen sehr waghalsigen Fahrstil, obwohl sie im allgemeinen nicht schlecht fuhr. Es war ein Automatik-Wagen und ihre Füße reichten kaum bis zu den Pedalen. Regelmäßig hielten wir zuerst bei einem Autobahnrestaurant, das von meinem Motel aus in der Ferne als rötlicher Lichtbogen am gelbblauen Horizont sichtbar war und wo wir ein Frühstück mit Orangensaft und Eiern auf mexikanische Art gefolgt von zahlreichen Tassen Kaffee einnahmen, das von der Direktorin mit Gutscheinen der Kunstakademie bezahlt wurde (vermutlich), nie mit Bargeld.
Dann lehnte sie sich auf ihrem Stuhl zurück und begann über ihr Leben in dieser Stadt des Nordens zu sprechen und über ihre Gedichte, die in einem von der Kunstakademie unterstützten Kleinverlag erschienen waren, sowie von ihrem Ehemann, der weder von der Berufung einer Dichterin, noch von dem Leiden, das diese Berufung mit sich bringt, etwas verstand. Während sie sprach, hörte ich nicht auf, eine Bali-Zigarette nach der anderen zu rauchen, betrachtete die Fernstraße durch das Fenster und dachte über das Desaster nach, das mein Leben war. Danach stiegen wir wieder in ihr Auto und setzten uns schnell zur Zentrale der Kunstakademie in Gómez Palacio in Bewegung. Ein zweistöckiges Gebäude ohne jeglichen Reiz außer einem nicht gepflasterten Innenhof mit nur drei Bäumen, einem verlassenen oder halbfertigen Garten, in dem es von Jugendlichen wie Zombies wimmelte, die Malerei, Musik und Literatur studierten. Das erste Mal, als ich dort war, hatte ich von dem Innenhof keine Notiz genommen, das zweite Mal brachte er mich zum Zittern. All das macht keinen Sinn, dachte ich, aber tief in mir wusste ich, dass es Sinn machte und dieses Wissen zerriss mir das Herz, um einen etwas exaltierten Ausdruck an dieser Stelle zu benutzen, andererseits, nichts schien übertrieben. Vielleicht brachte ich aber nur Sinn und Notwendigkeit durcheinander. Vielleicht war ich auch nur ein Nervenbündel.

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