Mittwochsbeschäftigung: 2 Absätze, 1 Wort

Fortsetzung der Übersetzung von Roberto Bolaño: “Gómez Palacio”

In den Nächten fiel es mir schwer zu Schlafen. Ich hatte Albträume. Bevor ich mich in mein Schlafzimmer begab, kontrollierte ich, dass die Türen und Fenster meines Zimmers fest verschlossen waren. Mir trocknete der Mund aus und die einzige Lösung war Wasser zu trinken. Ich stand ständig auf und ging ins Bad, um mein Glas erneut mit Wasser zu füllen. Andauernd aufstehend nutzte ich die Gelegenheit und überprüfte einmal mehr, ob ich die Fenster und Türen wirklich fest verschlossen hatte. Zeitweise vergaß ich meine Sorgen und verharrte die nächtliche Wüste beobachtend am Fenster. Dann kehrte ich ins Bett zurück und Schloss meine Augen. Da ich aber so viel Wasser getrunken hatte, dauerte es nicht lange, bis ich wieder aufstehen und pinkeln musste. Und sobald ich mich erhoben hatte, fing ich wieder an die Schlösser des Raumes zu kontrollieren und blieb stehen, um den fernen Geräuschen der Wüste zu lauschen (den schallgedämpften Motoren der Wagen, die in Richtung Norden oder Süden vorstießen) oder um die Nacht jenseits des Fensters zu betrachten. Ich fand erst im Morgengrauen die Kraft, einige Stunden durchgehend zu schlafen, zwei oder drei höchstens.
Eines Morgens, wir frühstückten, erkundigte sich die Direktorin nach dem Zustand meiner Augen. Das kommt weil ich wenig schlafe, sagte ich ihr. Ja, sie sind gerötet, sagte sie und wechselte das Thema. Am gleichen Nachmittag auf der Rückfahrt zu meinem Hotel, fragte sie mich, ob ich nicht für eine Weile selbst fahren wollte. Keine Ahnung wie man fährt, sagte ich ihr. Sie brach in Lachen aus und bremste auf dem Standstreifen. Ein Kühllastwagen fuhr auf unserer Seite vorbei. Auf weißem Hintergrund stand in Sichtweite mit großen blauen Buchstaben zu lesen: „FLEISCH VON DER WITWE PADILLAS “. Er kam aus Monterrey und der Fahrer starrte uns mit einem Interesse an, das mir maßlos erschien. Die Direktorin öffnete ihre Tür und stieg aus. Setz dich auf den Fahrersitz, sagte sie. Ich gehorchte ihr. Somit überließ sie mir für die Rückfahrt das Lenkrad. Dann setzte sie sich auf den Beifahrersitz und befahl mir loszufahren.

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* Unglaublich wie ein einzelnes Wort das Verständnis für einen ganzen Text enthalten kann oder zumindest weiter eröffnet: Padilla. Eine politische Affäre in Kuba 1971, die nach dem Lyriker Heberto Padilla (1932-2000) benannt wurde, der für seine Gedichtsammlung “Fuera del Juego” (Außerhalb des Spiels) 1968 den höchsten kubanischen Literaturpreis erhalten hat und wegen des regimekritischen Inhalts verhaftet wurde. Er wurde von Castro zu einer öffentlichen “Selbstkritik” gezwungen, die damals zu einem Protestbrief mit prominenten Unterzeichnern führte wie  Jean Paul Sartre, Hans Magnus Enzensberger, Simone de Beauvoir, Susan Sontag, Mario Vargas Llosa und Julio Cortàzar, um nur einige zu nennen. Die „Padilla-Affäre“ brachte dem Regime weltweiten Verlust an Sympathie unter Intellektuellen ein. Sie gilt auch als das Ende der Jahrzehnte des “Booms”,  der erfolgreichen lateinamerikanischen Literaturperiode mit Schriftstellern wie z. B. Gabriel Garcia Marquez und Octavio Paz, die weltweite Anerkennung fanden, von denen sich die jungen Schriftsteller wie damals auch Roberto Bolaño aber politisch distanzierten.
In dieser kurzen Erzählung geht es in erster Linie um die Befindlichkeit eines jungen Dichters, der in seiner Sprache und Poesie eine Freiheit zu bewahren versucht, die politisch gerade durch die Diktatoren, ob nun sozialistisch wie Castro in Kuba oder rechtsnationalistisch wie unter Pinochet in Chile oder Videla in Argentinien, bedroht ist. Heberto Padilla ist 2000 in den USA gestorben, seine Witwe gab es wohl schon, als Bolaño dies schrieb. Aber mit dem Fleisch ist anderes gemeint: Die Tausende von Ermordeten dieser Regime. Als Bild eines gekühlten Lastwagens fährt hier die Geschichte vorbei und  der Fahrer erscheint wie ein Spitzel, der nach politisch Verdächtigen im mexikanischen Exil Ausschau hält. Dass er aus Monterrey kommt, mag auch seine assoziative Bewandtnis haben, vielleicht eine Anspielung auf die Geburtsstadt des mexikanischen Dichters Alfonso Reyes. Die versteckten politischen Anspielungen Bolaños waren schon immer vielfältig, siehe “Chilenisches Nachtstück”. Um sie immer ganz zu verstehen, müsste ich mehr von der lateinamerikanischen Geschichte verstehen. Dass es hier jedoch darum geht zu zeigen, wie sich ein junger Dichter gegen die Vereinnahmung durch die bürgerliche Arbeits- und Lebenswelt wehrt und sich nicht von einer Realität gefangen nehmen lassen will, die als bedrückend unmenschlich und als Tod aller Träume empfunden wird, ist offensichtlich. Die Freiheit seines Lebens und damit auch die Freiheit seiner Worte, seine Poesie, wird als unveräußerlicher Lebenssinn verteidigt.

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