Donnerstagsbeschäftigung: Poesie u. Schmerz

Autobahnbruecke_Gomez_Palacio
Autobahnbrücke in Gómez Palacio

En el horizonte vi unos montes bajos entre los cuales se perdía la carretera.”
Am Horizont sah ich die Autobahn in den flachen Bergen verschwinden.

Eine ganze Zeit lang fuhren wir durch den grauen Stadtrand, der Gómez Palacio mit meinem Motel verband. Dort angekommen hielt ich nicht an. Ich sah zur Direktorin hinüber, die aber lächelte. Sie hatte nichts dagegen, dass ich noch ein bisschen weiter fuhr. Bis jetzt hatten wir hauptsächlich schweigend die Fahrbahn betrachtet. Sobald aber das Hotel hinter uns lag, begann sie über ihre Gedichte zu sprechen, über ihre Arbeit und über ihren wenig verständnisvollen Ehemann. Als ihr Gerede leiser wurde, stellte sie den Kassettenrecorder an und legte das Band einer Sängerin ein, die Rancheras[1] sang. Ihre traurige Stimme war dem Orchester stets einige Noten voraus. Ich bin ihre Freundin, sagte die Direktorin. Ich konnte nicht verstehen, was sie sagte. Ich bin eine Busenfreundin der Sängerin, sagte die Direktorin. Ah, sie kommt aus Durango. Du warst doch schon da, nicht? Ja, ich war in Durango, sagte ich. Und was war mit den Schreibwerkstätten? Sie waren schlimmer als hier, sagte ich als Kompliment gemeint, aber sie schien es nicht als solches aufzufassen. Sie stammt aus Durango, aber sie lebt in Ciudad Juarez[2], sagte sie. Wenn sie manchmal in ihre Geburtsstadt fährt, um ihre Mutter zu besuchen, ruft sie mich an und ich nehme mir die Zeit, die nötig ist, um ein paar Tage mit ihr in Durango zu verbringen. Wie schön, sagte ich, ohne meine Augen von der Straße zu lassen. Ich wohne dann in ihrem Haus, in dem Haus ihrer Mutter, sagte die Direktorin. Wir schlafen beide in ihrem Zimmer und plaudern stundenlang oder hören Schallplatten. Ab und zu geht eine von uns in die Küche und macht ein Kaffeechen. Ich komme dort meist mit Regalada[3]-Keksen an, die ihr besser als jede andere Sorte schmecken. Und wir trinken Kaffee und essen Kekse. Wir kennen uns, seit wir fünfzehn Jahre alt waren.
Am Horizont sah ich die Autobahn in den flachen Bergen verschwinden. Aus dem Osten begann die Nacht hereinzubrechen. Welche Farbe hat die Wüste in der Nacht?, hatte ich mich Tage zuvor im Motel gefragt. Eine rhetorische und dumme Frage, aber irgendwie lag in ihr meine Zukunft verschlüsselt, oder vielleicht nicht meine Zukunft, sondern das Reservoir meiner Fähigkeit, den Schmerz auszuhalten, den ich fühlte. Eines Nachmittags in der Schreibwerkstatt von Gómez Palacio, fragte mich ein Junge, warum ich Gedichte schrieb und wie lange ich noch gedachte das zu tun. Die Direktorin war nicht anwesend. In der Werkstatt gab es fünf Personen, fünf einzelne Schüler, vier Jungen und ein Mädchen. Zwei von ihnen trugen sehr ärmliche Kleidung. Das Mädchen war klein und dünn und geschmacklos angezogen. Der die Frage stellte hätte besser an der Universität studiert, statt dessen arbeitete er am Fließband einer Seifenfabrik, die größte (und wahrscheinlich die einzige) im ganzen Land. Ein anderer Junge war Bedienung in einem italienischen Restaurant. Die anderen zwei gingen zur Schule und das Mädchen ging weder studieren noch arbeiten.


[1] s. Wikipedia

[2] Nachdem man „2666“ gelesen hat, besitzt der Name dieser Stadt mit der höchsten Kriminalitätsrate der Welt und den vielen Frauenmorden einen völlig anderen Bedeutungshorizont. Auch die Verwendung ausgerechnet dieses Städtenamens von Bolaño ist kein Zufall.

[3] Wörtliche Übersetzung: spottbillig

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