Samstagsbeschäftigung: 2 Absätze, 2 Polizisten

Fortsetzung der Übersetzung von Roberto Bolaño: Gómez Palacio

Das bleibt dem Zufall überlassen, antwortete ich. Für eine Weile schwiegen wir beide. Ich wog die Möglichkeit ab in Gómez Palacio zu arbeiten und dort für immer zu leben. Mir schien im Innenhof hatte ich einige hübsche Malereistudentinnen gesehen. Mit etwas Glück würde ich eine von ihnen heiraten. Die hübschere sah gleichzeitig wie die konventionellere von den beiden aus. Ich stellte mir eine lange und schwierige Verlobungszeit vor. Ich stellte mir ein dunkles und kaltes Haus vor und einen Garten vollgestopft mit Pflanzen. Und wie lange gedenkst du noch zu schreiben, wiederholte der Junge, der Seife herstellte. Ich hätte ihm natürlich alles Mögliche sagen können, entschied mich aber für das einfachste: Ich weiß es nicht, sagte ich. Und du? Ich fing an zu schreiben, weil das Schreiben mich freier werden ließ, Herr Lehrer, und ich werde nie damit aufhören, sagte er mit einem Lächeln, das kaum seinen Stolz und seine Bestimmung verbergen konnte. Das Vage dieser Antwort und die theatralische Haltung verdarben sie. Hinter dieser Antwort sah ich trotzdem seine Arbeit in der Seifenfabrik, nicht wie sie jetzt war, sondern wie sie mit fünfzehn oder zwölf Jahren für ihn gewesen war. Ich sah ihn durch die Vorstadtstraßen von Gómez Palacio laufen und unter einem Himmel dahinschlendern, der einer Steinlawine ähnelte. Und genauso sah ich seine Freunde: mir schien es unmöglich, dass sie dieses Alter überlebten, das trotz allem das natürlichste war.
Danach lasen wir Gedichte. Das Mädchen war die einzige von ihnen die Talent hatte. Aber damals war ich mir mit nichts sicher. Beim Hinausgehen erwartete mich die Direktorin zusammen mit zwei Typen, die sich als Beamte des Bundesstaates Durango[1] herausstellten. Ich weiß nicht, warum mir der Gedanke kam, es seien Polizisten, die hier waren, um mich zu verhaften. Die Jugendlichen verabschiedeten sich von mir und brachen auf. Das abgemagerte Mädchen mit einem Jungen und die anderen drei jeder für sich. Ich sah sie einen Gang mit abbröckelnden Wänden durchqueren. Ich folgte ihnen bis zur Tür, als ob ich vergessen hätte, einem von ihnen etwas zu sagen. Ich sah sie an beiden Enden dieser Straße in Gómez Palacio verschwinden.


[1] Eine Reminiszenz an die eigene Vergangenheit Bolaños, der 1973 in Chile verhaftet wurde, wobei zwei Polizisten, die seine Jugendfreunde waren, beteiligt gewesen sein sollen. Allerdings soll er mit ihrer Hilfe damals auch wieder aus der Haft entlassen worden sein.

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