Mittwochsbeschäftigung: Jeansjacke u. Brille

Bolano_Jugend               Der junge Bolano
                                 Der junge Roberto Bolaño

“todavía tengo el pelo largo, soy flaco, llevo una chaqueta de mezclilla y unas
gafas demasiado grandes, unas gafas asquerosas.

“Damals trug ich mein Haar noch lang, ich war dünn, bekleidet mit einer Jeansjacke und einer übertrieben großen Brille, eine scheußliche Brille.”

Dann sagte die Direktorin: Sie ist meine beste Freundin, und danach hielt sie den Mund. Die Autobahn hörte auf eine gerade Linie zu sein. Im Rückspiegel sah ich, wie sich eine riesige Wand hinter der Stadt erhob, die wir zurück ließen. Erst spät erkannte ich, dass es die Nacht war. Die Sängerin im Kassettenrekorder begann ein anderes Lied zu trällern. Es handelte von einer schrumpfenden Ortschaft im Norden Mexikos, in der jeder glücklich war, außer ihr. Mir kam es so vor, als ob die Direktorin weinte. Ein stilles und würdevolles Weinen, aber unaufhaltsam. Sicher war ich mir meines Eindrucks jedoch nicht. Ich wendete meine Augen nicht eine Sekunde von der Fahrbahn ab. Dann kramte die Direktorin ein Taschentuch heraus und putzte sich die Nase. Schalt die Scheinwerfer an, teilte sie mir mit einer kaum hörbaren Stimme mit. Ich fuhr weiter.
Schalt das Wagenlicht ein, wiederholte sie, und ohne eine Antwort abzuwarten, lehnte sie sich über das Armaturenbrett und schaltete die Wagenlichter selbst an. Fahr langsamer, sagte sie nach einer Weile mit viel festerer Stimme, während die Sängerin die letzten Noten ihres Liedes anstimmte. Ein sehr trauriges Lied, sagte ich, nur um etwas zu sagen.
Das Auto blieb parkend an der Straßenseite stehen. Ich öffnete die Tür und stieg aus. Es war noch nicht ganz dunkel, aber es war auch nicht mehr Tag. Das Land rings um mich herum, die Berge in denen sich die Autobahn verlor, waren von einem so intensiven Gelbbraun, das ich noch nirgends gesehen hatte. So als ob das Licht (aber es war kein Licht, es war nur Farbe) mit etwas aufgeladen war, das ich nicht kannte, das aber genauso gut die Ewigkeit hätte sein können. Mir kam es peinlich vor, einen solchen Gedanken gehabt zu haben. Ich vertrat mir die Beine. Ein Auto fuhr dicht an mir vorbei und hupte. Um Himmels willen, gestikulierte ich. Vielleicht blieb es auch nicht bei einer Geste. Vielleicht schrie ich, fick dich und der Fahrer sah oder hörte mich. Aber das ist unwahrscheinlich, wie alles an dieser Geschichte. Darüber hinaus, wenn ich weiter an ihn denke, ist das einzige, was ich sehe, mein eingefrorenes Bild in seinem Rückspiegel. Damals trug ich mein Haar noch lang, ich war dünn, bekleidet mit einer Jeansjacke und einer übertrieben großen Brille, eine scheußliche Brille.

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