Roberto Bolaños “Amuleto”. Eine Zikade und Fledermaus hört Nagelstiefel (Capítulo 2)

Tlatelolco_Soldaten_1968

“Nachts jedoch breitete ich meine Schwingen aus, ich wuchs, verwandelte mich in eine Fledermaus, ließ die Fakultät zurück und ließ mich durch Mexikos Hauptstadt treiben wie ein Luftgeist (wie eine Fee, schön wär´s, aber dazu fehlt mir doch einiges) und ich trank, stritt, nahm teil an literarischen Kaffeehausrunden (ich kannte sie alle) und beriet die jungen Dichter…”

Was passiert: Auxilio schlägt sich mit Hiwi- und Gelegenheitsjobs in Mexiko durch, was mich an die Zeit Bolaños in Spanien erinnert, wo er sich mit Tätigkeiten wie Tellerwäscher und Nachtwächter (Bonaventura) über Wasser hielt. Die Universität wird vom Militär besetzt und in der Stadt herrscht die tödliche Gewalt von Tlatelolco. Auxilio lebt in der Welt der jungen mexikanischen Dichter, die über Ovids Metamorphosen diskutieren und ihr Bücher schenken. Vielleicht war die uruguayische Lehrerin Alcira Soust Scaffo auch so etwas wie eine Muse für die späteren Viszeralrealisten, aber ohne Spanischkenntnisse kann ich das bisher nicht erforschen.

Folgen wir also weiter Bolaños „Spaziergang durch die Literatur“. Im Gegensatz zu „2666“ werden hier bisher fast nur lateinamerikanische Poeten genannt: Nuño, Monterroso, Velarde, Mirón, Serpas. Lerne ich nicht so nebenbei die zumindest mir unbekannteren, lateinamerikanischen Dichter kennen? Bolaño streift durch das Einzelschicksal die große politische Geschichte und gleichzeitig berührt er das individuelle Schicksal eines Universitätsprofessors, der aus Schmerz über das Verlassen werden von seiner Frau Selbstmord begeht.

„Ich glaube,…dass das Leben voller rätselhafter Dinge ist, voller kleiner Begebnisse, die nur auf eine hautnahe Berührung warten, oder auf unseren Blick, um sich in einer Serie kausaler Tatsachen zu entladen, die nachher, durch das Prisma der Zeit betrachtet, nichts als fassungsloses Staunen oder Entsetzen hervorrufen können.“ S. 26

Die Gedichte Pedro Garfías lesende Auxilio sieht die Ereignisse aus dem Fenster wie in einem Film. Wie Bolaño diese klaustrophobische Situation beschreibt, meint auch der Leser den unheimlichen Klang von Nagelstiefel tragenden Soldaten zu hören.

Und so ging ich zurück in die Toilette, und, seltsam, finden Sie nicht?, ich ging nicht nur zurück in die Toilette, ich ging zurück auf mein Klo, dasselbe, auf dem ich vorher gesessen hatte, ich setzte mich wieder auf die Klosettschüssel, also wieder mit geschürzten Rockschößen, heruntergelassenen Strümpfen, allerdings ohne jegliche physische Veranlassung (es heißt zwar, daß sich in eben solchen Situationen der Magen entleert, aber in meinem Fall geschah das nicht), und mit dem offenen Buch von Pedro Garfías auf den Knien, und obwohl ich gar nicht lesen mochte, fing ich doch an, ganz langsam zu Beginn, Wort für Wort, Vers für Vers, aber dann beschleunigte sich allmählich die Lektüre und wurde schließlich wahnsinnig schnell, die Verse flogen so rasch vorüber, daß es mir kaum möglich war, einige von ihnen zu entziffern, ein Wort klebte am nächsten, keine Ahnung, Lektüre im freien Fall, und die Gedichte von Pedro Garfías leisteten auch keinen Widerstand, und so ging es, als plötzlich vom Flur her Geräusche kamen, waren das Stiefel? Nagelstiefel? Also wirklich, so ein Zufall, oder etwa nicht? Geräusche von Nagelstiefeln! Fehlte nur noch klirrende Kälte und eine Mütze auf dem Kopf und dann vernahm ich eine Stimme, die irgend etwas sagte wie, alles in Ordnung, Sergeant, kann sein, daß sie auch was anderes sagte, und fünf Sekunden später machte wahrscheinlich dasselbe Dreckschwein, das gesprochen hatte, die Toilettentür auf und kam herein.”

(Roberto Bolaño: Amuleto. Roman. Aus dem Spanischen von Heinrich von Berenberg. München: Verlag Antje Kunstmann 2002. Originalausgabe: Editorial Anagrama, Barcelona 1999.)

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