Roberto Bolaños “Amuleto”. Elena, Paolo, Artur(it)o und das “Ich” (Capítulo 5)

Was passiert: Auxilio erzählt uns die Geschichte ihrer Freundin Elena und des italienischen Journalisten Paolo, der mit Giorgio Strehler befreundet gewesen sein soll. Dieser Journalist ist auf dem Weg zu einem Interview mit Fidel Castro. Der melancholische Wind der Erinnerung weht durch die Liebe Elenas und die Begegnungen dieser Zeit, die alle aus dem einen Punkt der Toilette im vierten Stock des Universitätsgebäudes zu kommen scheinen. Auxilio verliert Elena aus den Augen, vergisst sie sogar, aber in ihren Dämmerzuständen des 18. September 1968 träumt sie von ihr als ihrer Retterin.

Immer wieder frage ich mich, wer diese Geschichte wirklich erzählt. Warum ist das überhaupt wichtig?

“Und ich, bedauernswertes Wesen, ich hörte so etwas ähnliches wie ein Geräusch, wie es der Wind verursacht, wenn er hinunterfährt und durch Papierblumen saust, ich lauschte einem Tremolo aus Luft und Wasser und hob ganz still die Füße, wie eine Tänzerin von – Renoir?”

Pierre-Auguste_Renoir_Danseuse

Wer erinnert sich nur vage an den Maler Renoir oder Degas? Auxilio, die fiktive Protagonistin in „Amuleto“ oder Roberto Bolaño selbst? Ich glaube Enrique Vila-Matas spricht von der Multiperspektive des Erzählens Bolaños. Ich möchte noch einen Schritt weiter gehen und behaupten, Bolaño ist es egal wer spricht. Er weiß, dass das „Ich“ in einem Roman letztlich immer auch die Stimme des Autors widerspiegelt. Warum sollte er sonst einen so offensichtlichen Namen für sein Alter Ego „Arturo Belano“ wählen? Bei ihm verdichtet sich alles zum kreativen Augenblick des Schreibens, so wie er auch in diesem Roman alles aus dem Augenblick auf der Toilette heraus erzählt. Wir hören gern Geschichten, die nur eine Person erzählt (um das Bett bei Gute-Nacht-Geschichten sitzt ja auch nicht die ganze Familie herum), wir halten uns gern an jemand fest. Aber Bolaño schreibt, als ob viele Menschen träumen und er versteckt sich in seinen Figuren nur, weil Geschichten so funktionieren. Ich will etwas ganz Dummes sagen: Das “Ich” bei Bolaño sind wir alle. Im Moment des Lesens setzen sich die erzählerischen Ebenen und Instanzen wieder zusammen, mit denen der Autor spielt. Nicht mehr die perfekte Illusion der erzählten Welt, sondern das Bewusstsein des Autors, der Schreibprozess selbst, wird zum literarischen Gegenstand und damit auch kreatives Element beim Leser.

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