Glashausbesichtigung I

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Nach seinem schon 1970 bei Suhrkamp erschienenen Prosatext “Glashausbesichtigung” des 1977 dann ersten Bachmann-Preisträgers Gert Friedrich Jonke könnte ich meine 3SAT-Bildschirmverfolgungen der 35. Tage der deutschsprachigen Literatur nennen. Literatur ist zerbrechlich, fragt sich, wer nach wem mit Steinen wirft. Vierzehn Autoren müssen sich zum Teil von den sieben Kritikern einiges gefallen lassen. Oft werfen sie jedoch keine Steine in Richtung der Vorlesenden, sondern eher in Richtung der Kollegen, die anderer Meinung sind.

Fast fünf Stunden mit kleinen Unterbrechungen saß ich nun heute morgen vor der Glotzscheibe, um zu hören, welche neuen Blumen im Treibhaus wachsen. Die ersten fünf deutschen Texte des heutigen Tages findet man hier zum nachlesen, wer mag. Ich möchte nicht einzeln auf die Texte eingehen, da kann sich jeder sein eigenes Urteil bilden. Gesagt haben mir alle fünf Texte etwas, am deutlichsten hängen geblieben ist bei mir gleich die erste, stotternd vorgetragene Kindheitserinnerung um das Verhältnis eines Jungen zu seiner tablettensüchtigen, psychisch labilen Mutter. Wer einen wunderbar spontanen Höreindruck dieser ersten Lesung finden will, muss die dazugehörige Seite meiner “Lesefreundin” der …wi[e]der[W]orte … aufrufen! Ich bin zwar nicht ihrer Meinung, kann ihre Reaktion aber sehr gut verstehen. Eine Offenbarung war allerdings keiner der Texte für mich, aber man darf auch nicht erwarten, einen James Joyce unter den Vortragenden zu entdecken.

Der Begriff Rollenprosa wurde häufiger benutzt, um eine gewisse zeitweilige sprachliche Nivellierung der Texte zu entschuldigen. Ansonsten ziemlich das gleiche Ritual wie letztes Jahr mit fast identischer Jury. Die Rollen sind klar verteilt. Der Autor oder die Autorin sitzt ein wenig wie das Schaf auf der Schlachtbank und die Juroren versuchen möglichst tiefschürfende literaturkritische und literaturgeschichtliche Kategorisierungen zu finden. “Same procedure as last year, James”, aber leider ohne James. Den bisher drei Autoren und zwei Autorinnen muss man dennoch Respekt zollen. Der Vortrag ist sicher nicht einfach und einen anschließenden mehr oder weniger Verriss zu ertragen auch nicht. Auffällig ist, dass Berlin sich mal wieder als ein literarisches Zentrum kristallisiert, was acht der Teilnehmenden bestätigen, die dort leben. Ich werde die nächsten Tage dabei bleiben und einige Texte noch einmal in Ruhe nachlesen. Was die Erzählweise der Texte anging, fand ich sie nicht sehr experimentell, da ist die alte “Glashausbesichtigung” beinahe sperriger. Der 2009 verstorbene junge Jonke schrieb 1970:

“Ich glaube nicht an normale Erzählungen. Ich kann nur an Erzählungen, die durch andere Erzählungen unterbrochen werden, glauben.”

Gespannt warte ich auf das, was noch kommen mag. Die einführenden Porträtvideos aller Autoren und Autorinnen, sowie die bisherigen Lesungen und anschließenden Diskussionen, die Eröffnung und die Klagenfurter Rede Urs Widmers  kann man sich bereits jetzt anschauen.

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