Dieter Forte: Der schreibende Erasmus von Rotterdam

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     Der schreibende Erasmus von Rotterdam,
gemalt von Holbein in Basel,
im Hause seines Druckers Froben,
nicht weit vom Totentanz,
sehr weit vom Niederrhein.
”Das Licht der Welt”,
unabhängig von den Interessen der Welt,
sich an keinen bindend,
die Bibel übersetzend,
Lukian und die Kirchenväter publizierend,
das “Lob der Torheit” und die “Klage des Friedens”.
Gebildet, belesen, Wissen verbreitend,
bissig, satirisch, die Menschen erkennend,
keiner schrieb so intelligent wie er, so vergnüglich und so böse.
     ”Ein Friede ist nie so ungerecht, daß er nicht dem gerechtesten
Krieg vorzuziehen wäre.”

     Lächelnder Wahrheitssucher,
zorniger Emigrant,
Weltbürger und homo pro se,
isoliert in der Erkenntnis,
in der Ohnmacht der Vernunft,
in der Einsamkeit des Schreibenden.
Eingehüllt in einen Pelz,
den kränklichen Körper schützend,
das Honorar in goldenen Ringen angelegt,
die die Unabhängigkeit garantieren,
auch in schlechten Zeiten,
wenn Staat und Kirche,
Herrscher und Bürger,
dem Autor mal wieder drohen
und seinen Freund Thomas Morus köpfen.
     ”Es ist besser, von Menschen und Dingen so zu reden, daß
wir diese Welt als das allen gemeinsame Vaterland betrachten.”
     Die spitze Nase über den Büchern,
die Welt aus den Augenwinkeln betrachtend
spöttisch, ironisch, skeptisch.
Rundum Glaubenskrieg und Streit,
Waffen und Lärm,
und in der stillen Stube der beobachtende Kopf,
anachronistisch schon damals,
im Lob der Torheit sich selbst verspottend,
trotzdem Verfasser der Klage des Friedens,
nicht kniend vor einem Altar,
die Hände zum Gebet gefaltet,
aufrecht sitzend vor einem Manuskript,
die Hände zur Arbeit geöffnet,
das Blatt haltend, schreibend,
die Feder in der Hand.
     “Ich möchte ein Weltbürger sein, allen gemeinsam,
oder lieber noch allen ein Fremder.”
     Kein Interieur lenkt ab von der Person,
die Studierstube ist nicht vorhanden,
die Bibliothek im Dunkel verschwunden,
das Schreibpult unsichtbar,
Menschen und Dinge vergessen,
nur der Moment des Schreibens,
das konzentrierte, in sich versinkende Schreiben,
das Wort suchend,
das Blatt haltend,
die Feder führend,
ein Buch als Stütze,
und im Bewußtsein des Schreibens,
den Überblick behaltend,
der nächste Satz, die nächste Seite,
das Ende, der Ablieferungstermin.
     Sein Kopf,
seine Hände,
die Schreibfeder,
das Blatt Papier,
die Wörter,
ein Buch,
lesen, denken, schreiben,
nichts anderes hat Holbein gemalt.

(aus: “Es ist schon ein eigenartiges Schreiben…” Materialien zum Werk von Dieter Forte
Herausgegeben von Jürgen Hosemann. Frankfurt a. M.: S. Fischer Verlag 2007.

 

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