Bolaños “Amuleto”. „Der Schatten eines dem Untergang geweihten Schiffs“ (Capítulo 10)

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                                     Zeichnung von Carlos Coffeen Serpas: “The Blind”. 1968

Nun ist es doch kein dritter Mann, sondern eine Frau, die das Haus von Remedios Varo verlässt: Lilian Serpas, Schriftstellerin und Journalistin. Das kommt davon, wenn man kapitelweise kommentiert. Auxilio träumt also weiter von nur gedachten Begegnungen mit in Mexiko lebenden Künstlerinnen. Bolaño vermischt biographische Einzelheiten aus dem Leben Serpas mit den Vorstellungen Auxilios und wohl auch mit den eigenen. Es ist das Jahr 1973, Lilian Serpas ist 68 Jahre alt. Sie versucht, Zeichnungen ihres Sohnes zu verkaufen und ihre Schönheit und Lebenslust soll zeitlos gewesen sein. Mit Che Guevara soll sie das Bett geteilt haben, in dem er normal war (als hätte Berühmtheit darauf einen Einfluss). Die Zeichnungen des „vergötterten Sohnes“ , sie hatte drei Kinder, können gut die des im Vietnamkrieg gestorbenen gewesen sein. Auxilio zweifelt, ob nicht Lilian Serpas die eigentliche „Mutter der mexikanischen Poesie“ sei und sie imaginiert, ihr einen letzten Gefallen zu tun, diesem Sohn, dem Maler Carlos Coffeen Serpas, auszurichten, seine Mutter würde diese Nacht nicht nach Hause kommen. Was wären die Künstler ohne ihre Musen und Mütter? Auxilio harrt weiter aus und träumt, sie bewege sich auf das „langerwartete Jahr“ zu, „das sie nie erleben werde“, “wie der Schatten eines dem Untergang geweihten Schiffs.“

“Und dann steht die Zeit wieder still; ein abgedroschenes Bild, denn entweder steht die Zeit niemals oder schon immer still, sagen wir, die fortlaufende Zeit spürt einen eisigen Schauer, oder sagen wir, die Zeit läßt ihre Muskeln spielen, klappt zusammen, steckt den Kopf zwischen die Arschbacken und schaut mich umgekehrt von unten her an, kurz unterhalb des Arschlochs, und blinzelt mir aus irren Augen zu, oder sagen wir, der Mond über der mexikanischen Hauptstadt schleicht wieder einmal über die Fliesen der Frauentoilette im vierten Stock der Fakultät für Philosophie und Literatur, oder sagen wir, Totenstille breitet sich aus im Café Quito, nur das Gemurmel der Geister im Gefolge von Lilian Serpas ist zu vernehmen, und wieder weiß ich nicht mehr, ob es das Jahr 1968 oder 1974 oder 1980 ist oder ob ich mich wie der Schatten eines dem Untergang geweihten Schiffs auf das langerwartete Jahr zu bewege, das ich nie erleben werde.”

Ein sprachliches Charakteristikum oder Stilmittel der inneren Monologe Bolaños scheint mir zu sein, dass mit zunehmender Erregung des Erzählenden ein ganzer Absatz aus nur einem Satz besteht, in diesem Fall aus einem Stakkato ähnelnden Reihungen. In der Erzählung “Gómez Palacio”, die ich übersetzt habe, gibt es einen solchen Satz mit emotionalem Höhepunkt auch, als das grüne Licht über der Wüste entdeckt wird.

Immer wieder suggeriert der Text eine Todesnähe, die mich daran erinnert, dass auch Bolaño von der Schwere seiner Krankheit wusste. Seinen eigenen Tod hat er sicher nicht so schnell vorausgesehen, aber dass er gegen die Zeit schrieb, war ihm bewusst. Dass man mit einem tragischem Tod eine Art Mythos erwirbt, hätte er verurteilt. Einen Mythos verdient nur der, der es wagt, etwas unbequem Neues zu schreiben.

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