Geschichte passt auf ein Fetzen Papier

Paul_Rilla_KellerManchmal stöbert man durch die eigenen Bücherregale wie im Antiquariat und findet unerwartet deutsche Geschichte in einem Buch, von dem man nicht einmal richtig Notiz genommen hatte. Zum Beispiel in einer Biographie Gottfried Kellers von Paul Rilla, Berlin 1943, stieß ich beim Durchblättern auf vergessene Zeitungsschnipsel. Ein solches Datum lässt aufhorchen. Erschienen in der Zeit eines Krieges, den man nur aus Bildern kennt. Jedes Mal wenn ich dann ein solches Buch aufschlage, weckt es meine Neugier, inwieweit Schrifttum jener Kriegszeit vom Nationalsozialismus beeinflusst oder durchsetzt war. Das Werk von Rilla wartet am Ende mit einer Ahnentafel auf und es beschleicht mich sofort das Gefühl, ob es hierbei nicht auch um die Feststellung arischer Abstammung ging. Aber das tut dem späteren eher marxistisch ausgerichteten Literaturkritiker der DDR wohl unrecht. Es geht auch nicht um diese Biographie, die zwar angestaubt aber handwerklich einen passablen Eindruck macht. Einige kleine Fetzen Zeitungspapier fielen mir beim Durchblättern in die Finger. Der erste müsste aus den fünfziger Jahren stammen und enthält Bekanntschaftsanzeigen. Eine heute wie damals nicht wegzudenkende Rubrik, aber der Text in seiner Wortwahl ein Kontrast zur heute Mode gewordenen Unverbindlichkeit. Da wird ein Mann mit edlem, festen Charakter gesucht, ein liebevoller Vati, und die Dame hat ein “Mädel und Bub”. Zeitungsfetzen_1 In der offenen, ehrlichen Art steckt für mich selbst in der Biederkeit eine gewisse Sympathie. Wer würde sich schon über eine eventuelle Kriegswitwe lustig machen wollen. Mir geht es um die Sprachwahl, nicht so sehr um den Vorwurf der übertriebenen sittlichen Reinheit jener Jahre. Die zweite Dame ist eine “Frohnatur” und wünscht sich das, was sich alle Frauen damals wohl gewünscht haben mögen, “ein gemütliches Heim in glücklicher Ehe”. Auch die dritte ist Anfang dreißig, blond und sucht einen “Lebenskamerad” mit “viel Herz und Geist”. Da hat sie eigentlich genau die richtige Mischung getroffen, aber wie schön altmodisch klingt doch der “Lebenskamerad”. Während ich in dem Band weiter herumblätterte und einige Stellen den zahlreichen Abbildungen entlang anlas, erinnerte ich mich an das Abrissblatt eines Wandkalenders aus eben dem Erscheinungsjahr der Biographie. Es ist vom 30. April 1943 und seine Rückseite fand ich nicht so harmlos. Ich fragte mich, was an diesem Tag wohl alles geschehen sein mochte. Zum Beispiel gründete sich in diesem Frühlingsmonat das Konzentrationslager Bergen-Belsen aus einem schon 200_Kalenderblatt_0001bestehenden Kriegsgefangenenlager heraus. Natürlich denkt man auch an Anne Frank, die hier kurz vor der Befreiung durch die britische Armee 1945 starb. Jetzt wurde die Biographie des bürgerlich-realistischen Schweizer Dichters von ganz anderen Bildern überlagert und das unscheinbare Kalenderblatt erzählte bittere Geschichte. Sind diese in Büchern gefundenen Papierschnipsel nicht trivial, mag man fragen. Für mich weht aber gerade durch die unscheinbaren Gebrauchsutensilien des Alltags große Geschichte heruntergebrochen auf das Bild einer Küche, in dem dieser Tag genauso abgerissen wird wie der heutige. Die Menschen dieser fast siebzig Jahre zurückliegenden Vergangenheit unterschieden sich in diesen kleinen Dingen gar nicht so sehr von einem Heute. Die Rückseite des Blattes ist dann ein Zeugnis200_Kalenderblatt_0002 dafür, wie normal nationalsozialistische Demagogie in den Alltag des deutschen Reiches eingedrungen war. Erbaulich getarnt wie ein Küchenrezept, ein Horoskop oder ein platter Witz finden sich dort Zitate Adolf Hitlers aus einer Rede und aus “Mein Kampf”. Hitchcocks Dokumentarfilm, den ich über Wikipedia fand, gab mir später den Rest. Versteinert klappte ich das Buch wieder zu. Mein Stöbern begann mit den Hoffnungen von Frauen in allzu sauberen und reinen Bekanntschaftsanzeigen zehn Jahre nach dem Kriegsende. Nebenbei erscheint mir die Dekade das Zeitmaß zu sein, in dem lebende Zeitgenossen am besten Rückschau halten. Das Jahrhundert gehört in seiner Größe schon den Historikern. Jetzt saß ich da und dachte nur noch an unvorstellbare menschliche Grausamkeiten.

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