Andrej Tschichatschow oder kürzer “Tschick”

Vor einiger Zeit bekam ich ein Rezensionsangebot für ein Jugendbuch, das in unterhaltsamer Form die Gefahren der Preisgabe von zu viel persönlichen Daten im Internet jugendgerecht aufbereitet. Facebook und Co. eben. Ganz ohne erhobenen Zeigefinger, wurde versprochen. Nach kurzem Überlegen bin ich nicht weiter darauf eingegangen. Nicht dass im Grunde etwas gegen die gute Absicht dieser versteckten Pädagogik zu sagen wäre, aber diese wohlgemeinten Sozialisationsversuche, in denen sich die Jugendlichen wiedererkennen sollen, die Pädagogik der gutgemeinten Integration ist mir irgendwie suspekt. In der Jugend muss man eigene Erfahrungen sammeln, andere Wege gehen als die Erwachsenen, revoltieren gegen den Status quo. Anpassen wird man sich später auf die eine oder andere Art sowieso. Mein Bauch sagte mir also bei dem angebotenen Rezensionsexemplar: das ist nicht das, was du von Literatur erwartest. Vielleicht lag es auch daran, dass ich gerade eine andere Lektüre hinter mir hatte, die mir klar machte, dass es andere literarische Versuche gibt, junge Leser anzusprechen, mit der Betonung auf literarische. Ein Buch, das einmal mehr beweist: Bücher darf man gar nicht erst nur für eine bestimmte Zielgruppe schreiben. Gute Literatur scheint sich einer rigorosen Einordnung immer zu verweigern.

Vor einiger Zeit schrieb ich noch ein paar Sätze zu “Tschick”, die ich nicht “umkommen” lassen möchte. Auf das Buch kann man ruhig zweimal hinweisen:

Wenn man Bücher, wie überflüssigerweise doch immer noch die Musik, in einen E- und U-Bereich einteilen würde, dann lese ich wohl bis auf ein paar Krimis mehr E-Literatur. Das schöne an “Tschick” ist, das dieser Roman sich einer so einfachen Kategorisierung entzieht. Auch die Einordnung als Jugendbuch stimmt nur an der Oberfläche und wird dem Anspruch des Buches bei aller Unterhaltung doch nicht ganz gerecht. Tschick ist mehr und vor allem ist er einfach erfrischend witzig und wie jede gute Clownerie gleichzeitig auch ernst und traurig. Die Welt mit Kinderaugen oder den Augen von Jugendlichen zu sehen entzieht sich automatisch der erwachsenen Vernunftordnung, denn der Blick ist immer unbefangener und kennt nur das Ziel einer Befreiung. Wen auch immer Wolfgang Herrndorf in diesem Buch beschreibt, es wird zu einem Blick, der die Individualität jedes Einzelnen auch in seinen Fehlern und in seinem Scheitern als menschlich respektiert. Das Buch vermittelt unverkrampft und nebenbei Werte wie Toleranz und wendet sich ganz allgemein gegen eine nur materialistisch denkende Gesellschaft. Eine Eigenschaft, die beinahe noch wichtiger ist darf ich nicht vergessen: es kann für Augenblicke immer wieder zum Lachen verführen und glücklich machen. Glück wünsche ich auch Wolfgang Herrndorf im Kampf mit seiner schweren Krankheit und für seinen neuen Wüstenroman. Der eigene Blick auf die Welt, das ist es, worauf es nicht nur beim Schreiben immer ankommt.

                                        Foto aus dem Blog von Wolfgang Herrndorf

“Ich hatte meinen Arm aus dem Fenster gehängt und den Kopf darauf gelegt. Wir fuhren Tempo 30 zwischen Wiesen und Feldern hindurch, über denen langsam die Sonne aufging, irgendwo hinter Rahnsdorf, und es war das Schönste und Seltsamste, was ich je erlebt habe. Was daran seltsam war, ist schwer zu sagen, denn es war ja nur eine Autofahrt, und ich war schon oft Auto gefahren. Aber es ist eben ein Unterschied, ob man dabei neben Erwachsenen sitzt, die über Waschbeton und Angela Merkel reden, oder ob sie eben nicht da sitzen und niemand redet. Tschick hatte sich auf seiner Seite auch aus dem Fenster gehängt und steuerte den Wagen mit der rechten Hand eine kleine Anhöhe hinauf. Es war, als ob der Lada von alleine durch die Felder fuhr, es war ein ganz anderes Fahren, eine andere Welt. Alles war größer, die Farben satter, die Geräusche Dolby Surround, und ich hätte mich, ehrlich gesagt, nicht gewundert, wenn auf einmal Tony Soprano, ein Dinosaurier oder ein Raumschiff vor uns aufgetaucht wäre.”
                                                                  (Wolfgang Herrndorf: Tschick, Anfang von Kapitel 20)

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