“Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne”

“Last night I dreamt I went to Manderley again.”
”Longtemps, je me suis couché de bonne heure.”
”La primera vez que Jean-Claude Pelletier leyó a Benno von Archimboldi…”
”Stahlblau und leicht, bewegt von einem leisen, kaum merklichen Gegenwind…”
”Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum…”

So schrieb schon Hermann Hesse in seinem berühmten Gedicht “Stufen”. Das Gleiche scheint mir auch für den Literarischen Roman zu gelten. Ich schreibe ausdrücklich literarisch, weil mir der Roman als Form und Begriff heute derart in Mode gekommen ist, dass der Markt Millionen Bücher dieser Art hervorbringt, die sich zwar so nennen, den Namen aber nicht verdienen. Nachdem ich nun fünf Romananfänge gesammelt habe, reicht es natürlich nicht, sie für sich stehen zu lassen. So will ich die ganz persönliche Wirkung dieser ersten fünf auf mich auch beschreiben, denn Lesen ist in erster Linie ein Zwiegespräch mit einem Buch, egal was der gesamte wissenschaftliche Diskurs, das Feuilleton oder die Auflagenhöhe, die es erreicht hat, dazu sagt. Die Unterhaltung findet nur zwischen dem Leser und der doppelbödigen Figur des Erzählers und des Autors statt, die sich oft übereinander lagern. Immer trifft das Buch zunächst auf das einzelne, lesende Ich.

Ganz bewusst wählte ich zum Einstieg Rebecca aus, einen vom Genre her wohl als Unterhaltungsroman einzuordnenden der englischen Schriftstellerin Daphne du Maurier. Ein Leseerlebnis, das fesselt, bleibt im Gedächtnis und sozialisiert auch zum Lesen überhaupt. So erinnere ich mich, dieses Buch von meiner dieses Jahr verstorbenen Tante bekommen zu haben, die in den fünfziger Jahren ein neues Leben in den USA begann und ihre Bücher des Bertelsmann Leserings damals zurückließ. Vielleicht las ich ihn schon mit vierzehn Jahren. Gerade die Faszination des Anfangs, das sich öffnende Panorama auf einen verfallenen Landsitz, eine für immer verlorene Vergangenheit, die im Traum wieder aufsteigt, sind bei mir haften geblieben. Die Schritte der Erzählerin ziehen den Leser wie in eine Art Tunnel in den Text hinein, dem man sich nicht mehr entziehen kann, das Wort “Manderley” allein entwickelt einen weichen Klang, der gespannt macht auf das, was zur Zerstörung des Anwesens geführt haben mag. Später las ich weitere Romane von ihr und auch Erzählungen, von denen sich mir die von Nicolas Roeg so genial verfilmte “Wenn die Gondeln Trauer tragen” (Don´t look now”) auch bleibend eingeprägt hat. Das Tor, an dessen rostigen Gitterstäben Schloss und Kette hängen, ist natürlich eine Metapher für die verlorene Welt, die durch die träumende Erzählerin mit dem folgenden Roman erst erschlossen wird. Eine schaurig, romantische Welt voller Liebe und Verbrechen, von der zwar konventionell erzählt wird, was aber die Wirkung auf den Leser in keiner Weise mindert. Ich sehe zwischen den beiden Eingangsszenarien und den beiden kurzen, feststellenden Anfangssätzen von “Rebecca” und der “Recherche” von Proust gewisse Gemeinsamkeiten. Ein gewagter Vergleich, der auch keinen Wertmaßstab enthalten soll, aber sie sind ungefähr gleich lang und sie haben beide mit dem Schlaf und dem Traum zu tun. Wie der Traum, so ist auch die Fiktion des Schriftstellers auf das Magische gerichtet, das der Wirklichkeit viel zu oft fehlt.

Das erste Mal las” ich ein Buch von Roberto Bolaño im Herbst 2009 in der Nähe von Hannover, wo ich, fünfundfünfzig Jahre alt, gerade das bekommen hatte, worauf der Autor vergeblich wartete. So könnte mein “Anlehnungsversuch” aussehen. Fühlt man sich mit diesem Anfangssatz nicht sofort in die gleiche Situation versetzt, wie der Literaturwissenschaftler Jean-Claude Pelletier im Roman? Ein Satz, der die Situation des Lesers spiegelt und unmittelbar in die Welt der Bücher hineinführt. Der einleitende Absatz besagt, dass man keine wissenschaftlichen Voraussetzungen braucht, um ein Buch zu verstehen und dass der Wissensstand des Lesers immer Fehler und Lücken enthält. Das Erstaunen und die Bewunderung Pelletiers ist zu meinem eigenen geworden vor dem gesamten Werk dieses Autors. Allein mit drei unterschiedlichen Buchtiteln des geheimnisvollen Schriftstellers Benno von Archimboldi öffnet sich bereits am Anfang ein Panorama des gesamten europäischen Kontinents, dem in den folgenden Teilen der lateinamerikanische folgt.

Der Tod des Vergil” ist der einzige Roman Hermann Brochs, den ich zugegebener Weise nicht  ganz zu Ende gelesen habe. Die ruhige poetische Sprache des langen Eingangssatzes beschreibt die Ferne, mit der ein Sterbender auf das menschliche Leben blickt. Der Abstand zum Ufer und zu den Menschen korrespondiert mit der Nähe des eigenen Todes. Ein philosophischer Blick schon beinahe von der anderen Seite. Der 1945 im amerikanischen Exil veröffentlichte Roman, verarbeitet auch die Erfahrungen des Autors im Nationalsozialismus und hofft auf eine neue Welt. Das gewaltige Denk- und Sprachniveau dieses Romans hat mich herausgefordert und beeindruckt.

Die fast übertriebenen, meteorologischen Beschreibungen des Augusttages im “Mann ohne Eigenschaften” von Robert Musil sind ein ironisches Pendant für die Genauigkeit in den folgenden Beschreibungen der Psyche und der seelischen Verfassung der Protagonisten. Außerdem enthalten sie mit der Jahreszahl 1913 schon die Beschränkung auf die erzählte Zeit im Roman. Ob es sich dabei um eine tatsächliche Beschreibung der damaligen Großwetterlage in Wien gehandelt hat, scheint mir belanglos. Ein Schauplatz wird eröffnet, noch ganz ohne Personal. Als wäre die Eigenschaftslosigkeit des Protagonisten Ulrich so unerfindlich wie eine temporäre Klimasituation. Die spätere Kunstfigur Ulrich wirkt auch nach hundert Jahren in ihrem Denken und Philosophieren modern. Ich habe sie mir an anderer Stelle vermutlich auch deshalb ausgeliehen.

Wie zum Anfang von “2666” könnte ich auch mit “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” beginnen: Als ich das erste Mal Proust las, war es im Sommer 1969 und ich war nicht einmal sechzehn Jahre alt. Der Großvater brachte die sieben schweren Leihbüchereibände in einer Einkaufstüte mit und sie lagen wochenlang auf einem Krankenhaustisch neben meinem Bett. Ich versuchte sogar einen Band mit einem mitgebrachten Blumenstrauß zu zeichnen. Ein akribisches Unterfangen, was die Abbildung des Blätterwerks anging. Jeder Mensch hat seine eigene verlorene Zeit, aber nur wenige oder vielleicht nur ein einziger wie Proust hat die Fähigkeit, sie so wie er wiederzufinden und in einem Roman zu verewigen. Man sagt vom Französischen, es sei eine sehr musikalische Sprache, aber nichts klingt melodischer in meinen Ohren als dieser erste Anfangssatz. Auf der Schwelle zum Schlaf, in einer Halbwelt aus Traum und Erwachen bleibt die Zeit für jeden Lesenden wieder stehen, wird aufgehoben und man zweifelt, ob der Ich-Erzähler mehr mit dem Kind in Combray oder mit dem Sterbenden in Paris identifiziert werden sollte.

Ich werde die kleine Reihe Romananfänge fortsetzen und nach jeweils fünf diese erneut kurz kommentieren. Empfehlungen zur Lektüre soll sie natürlich auch sein.

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