Begegnung mit mondbadenden Frauen

leonardo_da_vinci_Dame_Hermelin_Ausschnitt

Nun ist sie endgültig weg, die Dame mit deren Bildnis ich doch auch so gern eine erste und sicher einzige Begegnung gehabt hätte, Cecilia Gallerani. Teilweise war der Hype um dieses Highlight der Ausstellung “Gesichter der Renaissance” im Bodemuseum auf der Berliner Museumsinsel schwer zu ertragen. Große Menschentrauben bildeten sich ständig um Leonardo da Vincis “Dame mit dem Hermelin”, doch ein wenig enttäuscht war auch ich, als ich nur noch ein Ticket für eine Busfahrt am 1. November bekam, denn für das lichtscheue, heißbegehrte Fräulein war die Abreise zur nächsten Ausstellung nach London am 31. Oktober schon genau geplant. So war die Besucherschlange am letzten Tag auch beträchtlich, aber die Attraktion dieser Ausstellung konnte doch unmöglich nur an einem einzigen Bild liegen. Unter der großen Kuppel des Bodemuseums empfing uns eine sehr selbstbewusste, ihre kunstgeschichtliche Intelligenz mit leisem Hochmut vortragende Norditalienerin im Hosenrock, dunkler Brille, aber dennoch sehr einnehmender Dominanz. Ihr Auftreten passte zur in der Renaissance begonnenen neuen Stellung von klugen Frauen in der Gesellschaft. Die einstündige Führung begann sie mit der Bemerkung, dass sie noch eine Überraschung für die Gruppe bereit hielte. Ich dachte unwillkürlich an eine kostenlose Postkarte zum Mitnehmen am Ende der Führung. Es sollte ganz anders kommen.

Hinter den hohen Holztüren des Einlasses öffneten sich große dunkle Räume mit vollkommen schwarzen Wänden und Decken. Die Exponate wurden nur durch spärliches, künstliches Licht beleuchtet. Das Schönheitsideal der blassen Haut schienen die Gemälde als Anspruch über die Jahrhunderte bewahren zu wollen. Hatte sich Botticellis Simonetta VespucciBotticelli_Simonetta zur Erhaltung ihrer Schönheit nur im Mondlicht auf einem Balkon gewagt und im sanften Licht gebadet, so verlangten jetzt die Bilder einen ähnlichen Schutz gegen ihre Lichtempfindlichkeit. Gesichter sind Masken, lernte man schnell. Entweder vom Maler Göttinnen gleich idealisierte oder seine verfälschende Antwort auf die Wünsche der Auftraggeber, ihren Status mit Gewändern und allerlei Machtutensilien und Symbolen auszustatten. Nur ein Mensch im Schlaf oder nach seinem Tod scheint sein wahres, unverstelltes Gesicht preisgeben zu müssen. Sonst versuchen wir ständig mit unserem Gesicht Erwartungen zu erfüllen oder auf den potentiellen Blick der anderen und der Welt prophylaktisch vorbeugend oder unmittelbar zu reagieren. So bildet die ausgestellte Totenmaske Lorenzo di MedicisLorenzo die Medici Totenmaske auch einen ungeheuren Kontrast zur elfenbeinernen Schönheit der Frauengesichter und kann sich nicht mehr wie diese verstellen oder vom Maler aufgewertet werden.
Es handelte sich um eine intermediale Ausstellung, denn neben der sicher am meisten bewunderten Malerei waren auch Marmor- und Terracottabüsten, edelsteinbesetzte Medaillen und einige Porträtzeichnungen sehr klug und sich ergänzend aufgestellt worden. Die ca. 150 Exponate bezogen sich auf den Zeitraum der Frührenaissance, also etwa 1425 – 1500. Sie spiegelten deutlich den Status von Männern und Frauen und vor allem den oft selbstherrlichen Blick der letzteren auf sich selbst und die Frau als Gegenstand ihres Verlangens oder späteren Besitzes. Niemand hat zu dieser Zeit natürlich so etwas wie die “Kartoffelesser” von van Gogh gemalt. Realismus war vielleicht in der Landschaftsperspektive angestrebt, jedoch nicht bei der Personendarstellung. Es handelte sich fast ausschließlich um Auftragsarbeiten des Adels, hoher Kirchenvertreter oder sehr reicher Familien, die sich selbst für die Zukunft verewigen wollten. Der Mann legte Wert auf die Unterstreichung seiner Macht und seines Ansehens, die Frau war entweder entrückte, angebetete Jungfrau oder häuslich, züchtige Ehefrau. So fest dies Rollenverständnis auch war, gerade die Frauenantlitze mit ihrer hohen Stirn spiegeln auch das Erwachen eines ganz eigenen Selbstbewusstseins von Stolz und Persönlichkeit.

Aus Zeitnot konnten in einer Stunde natürlich nur einige der Kunstgegenstände angesprochen werden. Leider ist eine wirkliche Ruhe vor den Bildern unmöglich, diese Erfahrung machte ich schon bei einerPisanello Edward-Hopper-Ausstellung in Köln, wo man sich in den Massen wie in einer Sardinenschachtel vorkam. Hier wurde zwar auf 300 gleichzeitige Besucher begrenzt, aber die Lautstärke anderer Führungen oder die verteilten Multimedia-IPods ließen keine wirkliche “Kunstandacht” zu. Die Dauerbelastung der resoluten Führerin seit anderthalb Monaten mit den unterschiedlichsten Gruppen und damit verbundener tonbandartiger Textwiederholung hatte auch bei ihr Spuren hinterlassen. Interessant erschien mir, dass sie ein von der Größe eher unscheinbares Bild Pisanellos von Leonello d´Este uns Besuchern näher zu bringen versuchte, auch mit literarischen Bezügen auf die abgebildeten Rosen im Hintergrund, die auf den “Roman de la rose” hinweisen würden. So mussten also ganze Räume übersprungen werden, was aber später allein bei einem zeitlich nicht begrenzten, individuellen Durchgang noch nachgeholt werden konnte.

“Ach, es fehlt ja noch Ihre Überraschung,” höre ich die gebildete junge Dame noch in meinem Ohr sagen und die Gruppe folgte ihr zum Ausgang. Da leuchtete etwas in der Mitte des Raumes und bei mir löste es weniger eine Überraschung als eine unmittelbare Betroffenheit, ja eine Offenbarung ausLeonardo_Hermelin. Eine Begegnung unter diesen Umständen bleibt einmalig und unvergesslich. Da hing sie wirklich noch und ihr Gesicht schien den ganzen Raum heller zu machen, Leonardos Hermelindame. Ein Schild daneben wies darauf hin, dass das Bild aus transporttechnischen Gründen noch bis 18 Uhr an seinem Platz hängen würde und die große, weiße Transportkiste stand schon im Hintergrund daneben. Mehrfach bin ich später zu ihr zurückgekehrt und sie zieht den Betrachter so sehr in ihren Lorenzo_di_credi_portrait_of_a_womanBann, dass ich das Bild rechts daneben bis zum Schluss kaum bemerkte. Lorenzo di Credis Porträt einer Witwe hätte mehr Aufmerksamkeit verdient mit seiner Mona Lisa-Ähnlichkeit, dem Ring als Treuesymbol über den Tod hinaus, dem schwarzen Heiligenschein des Kopfhintergrundes und den grünen Zweigen, die wie eine Dornenkrone den Kopf umgeben. Aber Leonardos Signoria Gallerani ist durch nichts zu ersetzen und so wird auch nicht das Gesicht mit dem modernen Sfumato des “Porträt Lis Kertelge” von Gerhard Richter ihren Platz einnehmen. Er wird leer bleiben, was ich richtig finde. Für diese Dame gibt es keine Nachfolgerin, obwohl ich mir auch Credis Witwe als würdigen Abschluss hätte  vorstellen können. Die Trauer der Dargestellten spiegelt meine eigene, denn ein Wiedersehen mit ihr wird es nicht geben. soviel Gesicht wird die Renaissance kaum jemals wieder in Deutschland zeigen.

Dass die Frauen der Renaissance nicht nur vom Typ derer die im Monde baden waren, sondern den Männern auch Konkurrenz machen konnten, zeigtSelf-portrait_at_the_Easel_Painting_a_Devotional_Panel_by_Sofonisba_Anguissola ein Selbstporträt der Malerin Sofonisba Anguissola, allerdings aus dem 16. Jahrhundert und nicht in der Ausstellung. Was in der Renaissance begann und mit der Gegenreformation zunächst wieder verschwand, die befreiende Selbstbehauptung der Frauen in einer Männerwelt, dauert bis heute an. Obwohl die Geschlechterfrage immer nur ein Teilaspekt allgemeinerer Menschlichkeit bleibt, ist der Freiheitsgrad einer Gesellschaft an der Stellung der Geschlechter zueinander ablesbar.
Bis zum 20. November kann Mann oder Frau die Ausstellung mit den vielen Gesichtern noch besuchen. Dem Gesicht der schönsten Dame aber müsste jetzt schon bis London nachgereist werden.

Ticket        

Katalog ca. 408 Seiten, ca. 190 Abbildungen in Farbe.
20,3 × 25,4 cm, gebunden. 29 Euro

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