Aléa Torik: Das Geräusch des Werdens. Leseeindrücke der Kapitel 8 und 9.

Im achten Kapitel wird die direkte Rede Marijans aus dem zweiten wie vermutet wieder aufgenommen. Er spricht detailliert über seine Erblindung und die leidvolle Erfahrung, dass nichts mehr so ist wie früher. Ihm ist nicht nur das Sehen verlorengegangen, sondern die gesamte Welt hat ihren Platz aufgegeben. Als ob nun immer schwarze Nacht wäre und er ein ewig auf Hilfe angewiesenes, von seiner Mutter abhängiges Kind bliebe. Ein mehrwöchiges Mobilitätstraining für Blinde schließlich schafft es, die verbleibenden vier Sinne, vor allem das Gehör so zu sensibilisieren, dass der Verlust des Sehens zumindest im Ansatz kompensiert werden kann. Das Empfinden der Blindheit wird sehr einfühlsam erzählt. In erster Linie soll das Gehör geschult werden, um wieder eine Raumvorstellung zu erhalten. Als dies zum ersten Mal gelingt, bricht Euphorie bei den Trainingsteilnehmern aus. Man kann der eigenen Welt doch eine neue Dimension geben. Am Ende des Kapitels informiert seine Mutter Elena ihn, dass sie in die Stadt ziehen müssten und er akzeptiert dies, weil er sich ohnehin nach der Erblindung von seinem Heimatdorf lösen will. Später erfährt er, dass die Kosten für seine Behandlung den Hausverkauf nötig gemacht hätten. Elena bricht mit ihrem Sohn auf, verlässt Marginime und Marijan wundert sich über die lange Zugfahrt, die überraschenderweise wie schon bei Valentin in Berlin endet.
Als Leser misstraut man den Erklärungen der Mutter. Zuviel scheint zur Zeit der Erblindung Marijans aufeinander  zu treffen. Der Leser ahnt, das sein blinder Fleck auch der Marijans ist, nur welche möglichen Gewalttaten in Bezug auf Krisztina oder darüber hinaus noch Ursache dieses Bruches in der Familie des Tischlers sein könnten, bleibt mysteriös im Dunkeln, vielleicht im gleichen Dunkel, mit dem auch Marijan fortan leben muss. Spannung und Suspence beginnt sich in den Roman zu schleichen, natürlich ohne ihn zu einem Kriminalroman zu machen.

Im neunten Kapitel erzählt nun der Tischler Varian über sich und seinen gleichnamigen Bruder. Wir kennen die “Varian(ten)” schon aus früherer Erwähnung und so ähnelt der erste Absatz, als Varian in Ich-Form zu sprechen beginnt auch der Erzählung von Silvana im dritten Kapitel. Wieder wird der einzige Weg in das am Hang der Berge liegende Dorf beschrieben, der in einer Sackgasse endet, bzw. auch wieder hinaus führt. Varian meint, “diese Ausweglosigkeit bestimmt seit jeher das Leben bei uns.” Wenn ich an das Ende dieses Kapitels denke, könnte er auch die Ausweglosigkeit seines eigenen Schicksals meinen. Dieses Kapitel hat es in sich. Nicht nur weil “Schöne Beine, wunderschöne Beine, schöne Augen und meterlange Wimpern”, sein Titel, darin vorkommen, sondern weil für die Tragödie zweier doch so unterschiedlicher Zwillingsbrüder letztlich ihr Verhältnis zu den Frauen, der Neid auf den anderen und das unerträgliche Verlangen des einen verantwortlich ist. Varian I wird vom Vater dazu bestimmt, eine dreijährige Ausbildung zum Tischler zu machen. In diesen drei Jahren führt sein Bruder, ich nenne ihn mal Varian II den Hof. Der Vater stirbt plötzlich und als Varian I nach der Ausbildung ins Dorf zurückkehrt, verlässt der Bruder noch am gleichen Tag den Hof und verschwindet für fünfzehn Jahre endgültig. Im Hinterkopf hat der Leser schon da, dass auch hierbei schon ihre beiderseitigen Ansprüche auf Elena eine Rolle spielen. Varian I heiratet Elena, deren Geschichte wir schon kennen, und sie bekommen ihren Sohn Marijan. Als die Mutter Varians stirbt, kommt der Bruder Varian II nach fünfzehn Jahren auch zur Beerdigung seiner Mutter nach Marginime zurück. Er hat sich zu jemand entwickelt, der das Leben leicht nimmt und dem die Frauen zu Füßen liegen. Das schon von der Lehrerin Silvana kolportierte abergläubische Dorfgerücht, der eine der Brüder sei aus Holz, auch als sexuell hölzern konnotiert, der andere dagegen eher wie die Mutter promiskuitiv, scheint sich zu bewahrheiten. Varian I erträgt es nicht, wie sein Bruder scheinbar im Dorf Eroberungen macht, besonders nicht die der schönen Krisztina mit ihren bezaubernden Beinen, Brüsten und dem wimpernlangen, unwiderstehlichen Blick. Seine Frau Elena hat “kein einziges Bein und keinen Busen und auch sonst nichts, was man irgendwie begehren oder beschlafen könnte.” Seine Libido frisst ihn auf, sein Begehren Krisztinas wird maßlos. Nicht einen Tag länger erträgt er die Anwesenheit seines leichtlebigen Bruders. Als er ihn am nächsten Tag auf seiner Abreise durch den Wald begleitet, wächst in ihm der Wunsch, ihn umzubringen.

Charles Edward Perugini (1839-1918), A Backward Glance

Nach diesen beiden Kapiteln hatte ich den Eindruck, alle Erzählstränge würden um eine Art blinden Fleck Marijans herumlaufen. Als könnten die Gewalttätigkeiten, von Morden mag ich bei den Andeutungen noch nicht explizit sprechen, Auslöser von Marijans Blindheit sein. Also kein Virus oder Gehirntumor, sondern eine psychische Ursache. Das ließ mich an Hitchcocks bzw. Winston GrahamsMarnie” denken, deren Kleptomanie psychisch durch einen Totschlag im Zusammenhang mit der früheren Prostitution der Mutter in ihrer Kindheit stand. Wandelt sich die Dorfidylle in den Schauplatz eines blutigen Familiendramas? Ich rekapituliere, erschlägt der Vater Marijans seinen Zwillingsbruder, erstickt Marijans Mutter seine Großmutter? Vergewaltigt oder tötet sein Vater auch noch die begehrenswerte Krisztina? Dem Leser wird das geschickt nahegelegt, aber auch er bleibt vorläufig auf einem Auge blind. Ist also die Blindheit auch eine Metapher für den Leser, der wie in einem blinden Spiegel immer nur sich selbst sieht? Vielleicht kann man die gesamte Literatur und das Lesen auch als eine Sinneswahrnehmung begreifen, die das zu ergründen versucht, was uns in der Realität mit unseren fünf Sinnen nie vollständig zu erfassen gelingt. Das Lesen als sechster Sinn, das Gehör eines Blinden.

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