Aléa Torik: Das Geräusch des Werdens. Leseeindrücke von Kapitel 10.

Lesebrille

Das zehnte Kapitel fügt einen weiteren Mosaikstein in das Puzzle der Erzählkonstruktion. Die in jedem Kapitel wechselnde Erzählperspektive setzt ein hohes Maß an Empathie für die nach Alter und Charakter so unterschiedlichen Figuren voraus. Der Leser tastet sich zunächst unsicher, wer denn spricht, in die Kapitel hinein. Es ist dabei unerheblich, ob man sich chronologisch nach vorn oder zurück bewegt. Nach ein, zwei Seiten wird der Kontext klar, auch weil dann geschickt mal ein Name fällt. Der weibliche Vorname Liv, aus deren Sicht der größte Teil dieses Kapitels erzählt wird, kommt einem daher bekannt vor. War das nicht dies Mädchen, das “Wallentien” in Berlin zufällig am Bahnhof Zoo traf? Zunächst wird aus ihrer Sicht von den Plänen zu einer Zugreise an den Südküsten Europas entlang berichtet, die sie mit sechs anderen jungen Leuten organisiert. Ich erinnere mich dunkel, wir befinden uns irgendwo in den Siebziger oder Achtziger Jahren, dass man so etwas InterRail-Ticket nannte. Liv soll diese günstigen Karten für die Gruppe besorgen. Am Tag der Abreise muss sie jedoch ihrer Freundin Grete gestehen, dass sie nicht mitfahren wird. Es gibt nur einen Grund dafür: sie ist frisch verliebt, in den Rumänen Valentin, der nicht einmal ihre Sprache spricht. Sie aber möchte die Wochen der Reise in Berlin mit Valentin zusammen verbringen. Man ahnt, dass daraus die große Liebe wird und man ahnt auch schon, wie das Kind, das sie später bekommen werden, heißen wird: Leonie. Die Leonie, die sich später genauso in den blinden Marijan verlieben wird. Während der “Reisewochen” haben die beiden in einem Zimmer gehaust und Berlin erkundet, eine glückliche Zeit, die sie zunächst geheim halten. Der Weg zur Familie ist vorgezeichnet: eine bescheidene Wohnung, Liv beginnt ein Studium der Zahnmedizin, Valentin verkauft dagegen nur Käse. Als Reminiszenz an Valentins ursprüngliche Reisepläne, fahren die beiden zur Geburt von Leonie nach Paris. Als wohltuend habe ich es empfunden, dass diese Bilderbuch-Liebesgeschichte später, als Leonie bereits Jugendliche ist, einen Riss dadurch bekommt, dass der beruflich minderqualifizierte Hausmann Valentin sich als unnütz empfindet. Für ihn hat die Ehe mit Liv nichts an seiner Sehnsucht nach einem unruhigen Leben in Paris geändert.

Kann man einem Roman das vorwerfen, was er weglässt? Wir erfahren über die politischen Hintergründe im Verhältnis von Rumänen und Deutschen zur Zeit des Geschehens nichts, nichts über das Ceaușescu-Regime und auch nichts darüber, ob die Geschichte von Liv und Valentin in der DDR oder in Westberlin spielt. Auf der einen Seite ist dies verständlich, denn es geht in beiden Ländern um das menschliche Zusammenleben und um die Gefühlswelt der handelnden Personen, auf die sich inhaltlich beschränkt wird. Andererseits bleiben die Personen dadurch vielleicht auch unrealistisch stereotyp und in einer fiktiven Welt anonym. Auch die Orte und ihre Beschreibungen, Marginime, Berlin und Paris bleiben bisher verhältnismäßig blass. Das scheint der Gesamtkonstruktion geschuldet, die auf das Menschliche allgemein abzielt. Zuviel Zuckerguss und zu wenig Realismus? Großen Wert legt der Roman auf seine formale Struktur, die Kapitel-, Überschriften- und Erzählkonstruktion ist beinahe mathematisch angelegt. In diesem streng formalen Aufbau findet dann allerdings ein bezauberndes Spiel mit den Figuren statt, die überaus reich aus ihrem Leben erzählen. Wie das von Liv aus der Anatomie mitgebrachte Skelett Carlos eine Metapher für die abgemagerte Beziehung und die unzufriedene Unschlüssigkeit Valentins ist, so ließ mich dieses Kapitel auch etwas ratlos schwankend zwischen Zustimmung und Widerspruch zurück. Aber, um vorwegzugreifen, die nächsten beiden Kapitel haben mich emotional geradezu überschwemmt.

Advertisements