Aléa Torik: Das Geräusch des Werdens. Leseeindrücke der Kapitel 14 und 15.

Lesebrille

Das vierzehnte Kapitel gehört wieder Marijans Vortrag in der Galerie. Streng strukturiert sind zwischen seine Kapitel, die den Romantitel tragen, immer fünf andere gesetzt, am Ende nur einmal sechs, und fünf dieser Marijan-Kapitel gibt es auch insgesamt. Das verdeutlicht doch einen gewissen schematischen Aufbau und vielleicht eine Affinität zur Primzahl 5? Der Roman wird nicht linear erzählt, sondern aus den einzelnen Kapiteln vermutlich nachträglich gekonnt zusammengesetzt. Die Parallele zu Lydijas Flakon taucht in meinen Gedanken auf, zum Schluss ist er wieder ganz. Gespannt bin ich, wann der letzte Stein ins Mosaik gesetzt wird und mit welchem Ausgang. Es muss ein Stein sein, der auch die beiden getrennten Erzählstränge der Orte Berlin und Mariginime wieder schließt.
Marijan erzählt von der ersten Zeit mit seiner Mutter in Berlin. Die Blindheit erfordert es, auf übertriebene Ordnung im Alltag zu achten und das Abhängigkeitsverhältnis zur Mutter wird nach einiger Zeit auch als beengend empfunden. Marijan geht auf eine Blindenschule, um Abitur zu machen und Deutsch zu lernen. Auch der Bekanntenkreis ist durch seine Behinderung und fehlende Sprachkenntnisse Elenas eingeschränkt. Mit Anfang zwanzig rebelliert er endgültig dagegen, immer noch wie ein Kind behandelt zu werden, und sucht größeren Abstand zu seiner Mutter. Gerade in dieser Situation kommt es zu einem tragischen Verkehrsunfall, bei dem seine Mutter getötet wird. Dieser Tag mit der Überbringung der Schreckensnachricht durch die Polizei wird von ihm sehr genau aus der Erinnerung erzählt, auch das nervenaufreibende Gespräch mit einer Polizeibeamtin. Die gerichtsmedizinische Identifikation muss ein Zahnarzt vornehmen, auf das Urteil eines Blinden kann man sich nicht verlassen. Anrührend wird geschildert, wie er die kalten Hände der Mutter nicht wiedererkennt. Nachdem er eine sehr depressive Phase durchgemacht hat, in der er wie versteinert auf dem Platz der Mutter am Küchentisch sitzt, muss er einsehen, dass menschliche Isolation, die er zum  Teil selbst gesucht hat, immer falsch war. Es gelingt ihm, Kontakte zur Nachbarschaft zu knüpfen und auch allein Ausflüge selbst im regnerischen Herbst in einen Park zu machen. Dass sein Abnabelungsprozess diesen Ausgang nehmen würde, hinterlässt auch Schuldgefühle bei ihm:

“Hatte meine Erblindung sie so ermüdet, dass sie nicht einmal mehr Kraft für einen eigenen Blick aufbrachte?”

Er wird sein Leben lang darauf warten, dass seine Mutter wieder zur Haustür hereinkommt und weinend im Regen kann er sich endlich eingestehen, wie sehr er sie vermisst.

Das fünfzehnte Kapitel scheint das einzige zu sein, das nicht aus der Perspektive eines Protagonisten erzählt wird. Hier spricht die Stimme eines anonymen Erzählers, der die Dinge der Welt auf einen Faden fädeln will, um der Vielfältigkeit des Lebens habhaft zu werden oder sie als pars pro toto zu zeigen und zu umfassen. Doch dieser Erzähler scheint von Anfang an zu wissen, dass dies nicht gelingen kann, denn jede Aufzählung, jede noch so schön formierte Reihung wird das Rätsel des Lebens nicht vollständig erfassen. Auch deshalb steht am Ende das Bild der Beerdigung von Marijans Mutter. Ihr sich auflösender Körper vermodert und verflüssigt sich, um ins Meer gespült zu werden, wo er wieder in die Wolken steigt, die zurück zu seiner Grabstätte nach Berlin ziehen und sich wieder dort abregnen. Wenn es regnet, weinen die Toten über der Stadt. Marijan hörte diesem Regen bereits im zweiten Kapitel zu. Seine Welt, sein zukünftiger Raum formt sich, ob er es will oder nicht, auch aus der Erinnerung an seine verstorbene Mutter. Was für eine erzählerische Komposition! Eigentlich jedoch ist dieses mit “Salon Sucre” überschriebene Kapitel eine Zumutung für den Leser. Die endlosen Aufzählungen wollen einfach nicht enden und man bohrt sich hartnäckig durch den massiven Textkorpus. Es ist ein Sprachexperiment und so zuckersüß wie der Titel suggeriert soll das Ganze doch nicht sein. Mit Stadtteilen fängt es an und dann kommen endlose Seen, Gebäude, Bäckereien und Bars, Blumen- und Kuchensorten, Ämter, Krankenhausabteilungen. Kirchen, Friedhöfe, eigentlich alles, was in einer Großstadt so herumliegt, um aufgesammelt zu werden. Dabei wird sprachlich mit und verknüpft oder alles steht nach einem Komma nebeneinander. Man könnte bei den Aufzählungen auf die Idee kommen, in den “Gelben Seiten” gelandet zu sein, aber dieses Konglomerat aus den Bestandteilen der Stadt Berlin ist natürlich mühsam literarisch aufgearbeitet. Ohne es im Einzelnen überprüft zu haben, glaube ich, das jeder Gegenstand verifiziert ist und tatsächlich existiert. So auch der “Salon Sucre”, wo ein französischer Konditor und eine brasilianische Friseurin gemeinsam ihre Dienste anbieten. Ansonsten wird innerhalb der Aufzählung kräftig alliteriert und überhaupt dem passenden Klang immer der Vorzug gegeben. Aber das Konzert der vielen Einzelheiten wird auch durch kurze, witzig-kritische Kommentare unterbrochen wie:

“…Deutschland, wo die Menschen die besten Autos haben, aber die jämmerlichsten Schlaglöcher.”

Das Küssen und das Liegen treffen am Ende in zwei Absätzen aufeinander und immer regnet es. “Regen, Regen, Regen.” Oder sind es Tränen, Tränen, Tränen? Der Regen und das Liebespaar in der Filmszene erinnerte mich an das Umschlagbild von Raymond Federmans “Eine Liebesgeschichte oder so was”. Das hat die Leichtigkeit einer Romanze, aber diese Leichtigkeit trifft auch auf die Vergänglichkeit, die Beerdigung von Marijans Mutter. Daran denkt der junge, blinde Mann am Fenster. Sich verlieben und das Sterben gehören also doch irgendwie zusammen? Das Leben und die Liebe, immer schließt sich ein Kreis und die Welt mit ihren unzähligen Dingen existiert einfach weiter. Aus den Wolken regnen die Tränen der Toten. Auf die Liebespaare, die sich küssen müssen, denn im Leben darf man nicht liegen, im Leben sollte man lieben.

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