Aléa Torik: Das Geräusch des Werdens. Leseeindrücke zum 18. Kapitel.

LesebrilleDas achtzehnte Kapitel ist Valentin gewidmet, d. h. es ist personal die meiste Zeit aus seiner Sicht der Dinge geschrieben. In diesem Roman hat der auktoriale Erzähler ausgedient, er scheint nur noch an manchen Stellen bei Kommentierungen durch, die nicht nur der erzählenden Person zugeschrieben werden können. Valentin fühlt sich als männliche Hausfrau nicht ausgelastet und unterprivilegiert. Resignation ist aber seine Sache nicht, sondern er schaut wie immer nach vorn, als ob das Leben nicht in zwei Hälften, jung und alt, sondern in vier “Hälften” geteilt wäre und er befände sich nun, gerade fünfzig geworden, in der dritten. “Die dritte Hälfte” heißt dieses Kapitel deshalb auch folgerichtig. Valentin beschließt, nachdem er das Paradies in Paris nicht gefunden hat, einen zum Verkauf stehenden Berliner abrissreifen Puff in das Hotel “Valentins Paradies” umzubauen. Dieses Projekt gibt ihm und der kriselnden Ehe wieder etwas Schwung. Auch Liv profitiert davon und wird sich ihrer sexuellen Attraktivität für Valentin wieder mehr bewusst. Das Hotel entpuppt sich als rentabel, aber Jahre später ist der zweite Frühling der Ehe wieder der Nüchternheit des Materiellen und Finanziellen gewichen, das für Liv immer eine große Rolle spielt. Erneut überrascht sie Valentin mit der Absicht, sein Hotel nach Rumänien zu verlegen. Liv kann sich nicht vorstellen, ihr ganzes Berliner Leben aufzugeben, das Unverständnis ist gegenseitig.
Ein sprachliches Charakteristikum Valentins ist die Reihung von drei Wörtern, was zum “Running Gag” des Paares noch aus seiner Deutschlernphase geworden ist. Es entsteht ein komisch wirkender Bedeutungszusammenhang. Liv sagt z.B. “Jetzt, Küssen, Hier” oder Valentin antwortet an anderer Stelle im Scherz “Doch, Will, Ich”. Ich erwähne das deshalb, weil dieser Wortwitz und die Sprachspielerei ein tragendes Element des ganzen Romans sind. Das Klima zwischen den Figuren, in diesem Fall der Ehe, wird sehr feinfühlig durch ihr emotionales Verhältnis beschrieben, das sich verbal in Dialogen, aber auch ganz nonverbal durch eine entstehende Stimmung äußern kann. Der Text richtet sich also sowohl im Dialog, als auch in der berichtenden Form auf das Innere der Menschen, beleuchtet es aber nicht nur durch Gefühlsbeschreibung von außen, sondern findet in der Sprache des jeweils Erzählenden einen subjektiv gültigen Standpunkt. Das macht jede Figur für sich, und sei sie auch noch so verrückt oder gebrochen, in sich stimmig und glaubwürdig. Selbst die beabsichtigte witzige Leichtigkeit ändert nichts daran, dass quasi jede prototypische, fiktive Figur wie vom Grund ihrer Seele aus erzählt. Immer eine “dritte Hälfte” zu haben, jung zu bleiben, ist Valentins Fähigkeit und das eigentliche Paradies, das er stets mit sich herumtragen wird.

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