Aléa Torik: Das Geräusch des Werdens. Leseeindrücke vom 21. Kapitel.

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Im 21. Kapitel wird das Aufeinandertreffen von Marijan und Leonie aus ihrer Perspektive geschildert. Sie wohnt mittlerweile allein in einer kleinen Wohnung in Berlin Mitte und arbeitet als Logopädin. Ich will kurz in die unmittelbare Textkritik einsteigen. Negativ empfand ich auf der ersten Seite die Reihung der vielen Sätze die mit “Ich” beginnen. Eine rhetorische Steigerungsform, aber auf Dauer kann sie penetrant wirken. Die unterschiedlichen Stimmen der einzelnen Kapitel bringen natürlich erzählerisch das Problem mit, eigentlich auch einen jeweils anderen Sprachstil zu erfordern. Diese von der Anlage her gewollte Anpassung schien mir manchmal auch zu einer Nivellierung sprachlicher Möglichkeiten der Autorin zu führen. Das erzählende Ich bleibt immer an die einzelne Figur gebunden, die ja nicht über ihre sprachlichen Möglichkeiten hinaus kann. Demgegenüber stehen so überaus elegante, assoziative Verknüpfungen wie das Balancieren von Marijans Blindenstock mit dem Leonies auf dem Badewannenrand beim Erkunden der nackten Schönheit ihrer Schlüsselbeine. Die geschwungene, weiche Linienform der Schlüsselbeinknochen ähnelt nicht umsonst weiblichen Körperformen insgesamt und spiegelt auch Verletzlichkeit wieder.
Die kurze Begegnung mit dem blinden Marijan bleibt für Leonie nicht ohne Folgen, sie wird sich klar darüber, dass ihre innere Unruhe nur einen Grund hat: sie ist verliebt. Die geradezu obsessive Fixierung auf das geliebte Objekt in diesem Zustand wird auf den nächsten Seiten dadurch deutlich gemacht, dass Leonie immer wieder ein bestimmtes Café aufsucht, weil sie hofft, dem blinden Mann wieder zu begegnen. Dabei gerät sie in einen Konflikt zwischen Abenteuer, möglichem One-Night-Stand und ihrer tiefen, emotionalen Sehnsucht nach Marijan. Leonie flirtet längere Zeit mit dem attraktiven Kellner Carlos, der wohl nicht nur witzigerweise den Namen des früheren Skeletts ihrer Mutter trägt. Denn es scheint, als ob dies eine Metapher dafür sei, dass Sex allein nicht wirklich glücklich macht. Carlos könnte einen wohlbekannten Trieb befriedigen, der sich ziemlich deutlich auch bei Leonie bemerkbar macht,

“Dann würde er mich auftauen können. Ich konnte ihn nicht ansehen, ohne auf seinen Mund zu schauen. Der würde mir guttun, jede Faser meines Körpers würde es genießen. Ich stellte mir seine Hände auf meiner Haut vor, seine Arme, seinen Geruch, seinen Mund an meinen Brüsten und seine Lippen zwischen meinen Beinen.”

aber zum Glück gehört mehr. Sex allein bleibt eine magere Sache wie ein Skelett eben, so wichtig er auch für einen ausgeglichenen Hormonhaushalt sein mag. Dialogreich und sprachlich witzig wird Leonies Dilemma aufbereitet und sie quält sich Monate lang damit, auf Marijan in dem Café zu warten. Der charmanten Anmache des Kellners gibt sie nicht nach, obwohl es ihr sogar körperlich an die Nieren geht. Bis sie eines Tages schlagartig mit dem Warten aufhört. Festzuhalten bleibt, dass ihr Verzicht nicht auf moralischen Erwägungen beruht, sondern aus innerer, emotionaler Notwendigkeit heraus geschieht. Wie von der Unbeholfenheit auf beiden Seiten erzählt wird, als Leonie dann doch eines Tages ihrem Blinden noch einmal begegnet, balanciert wieder einmal gekonnt zwischen Witz und Rührung. Sie werden von jetzt an in die gleiche Richtung gehen.

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