Aléa Torik: Das Geräusch des Werdens. Leseeindrücke vom 22. Kapitel

Biceps_brachii

Saubere Fingernägel und ein wohlproportionierter Bizeps brachialis” heißt das Kapitel 22, das überraschenderweise im Präsens beginnt und endet. Nur im erinnerten Mittelteil des paradox-freakigen-verrückten Protagonisten Maddox finden wir kurz das gewohnte Imperfekt. Auch dieses Kapitel enthüllt damit die genau strukturierte Arbeitsweise und Anlage der Kapitel. Es erinnerte mich auch an eine makabre Kurzgeschichte der Autorin zu einem Projekt “auf den Gleisen” könnte man sagen, in einem anderen Blog: “Die weibliche Leiche”. Nekrophilie spielt auch dort eine ins Surreale führende Rolle. Aus dem hypersensiblen Zahnhypochonder ist ein Händler mit präparierten Leichenteilen und Extremitäten jeglicher Art geworden, die er selbst in der S-Bahn mit sich herumschleppt und zu verkaufen sucht. Das Kapitel fällt wie schon das fünfzehnte “Salon sucre” genannte aus dem Rahmen, dem es in der Weise ähnelt, dass es auch spezifisch Berliner Lebensbedingungen und Szene illustriert. Wie dort die Filmaufnahmen des Liebespaars im Regen gibt es auch hier Szenen, die wie Filmausschnitte wirken. Zum Beispiel Maddox´ Trauma des aus dem Fenster ihm direkt vor die Füße fallenden Selbstmörders. Etwas Morbides scheint über der Großstadt zu liegen, was manche Menschen verzweifeln lässt. Sie verzweifeln über ihre körperlichen Mängel, ihr auf unterschiedliche Art defizitäres Körperbefinden, über das sie ständig hinwegtäuschen oder es kompensieren müssen. Mit Schönheitsoperationen und Tätowierungen wird Körperkult getrieben. Die  Aufzählungen führen hier in einen medizinischen Bereich der Körperverstümmelungen und Entstellungen. Skurrile Gruppen im Internet, in denen Maddox etwas wie Wahlverwandte zu sehen glaubt, optimieren oder deformieren ihre Körper. Das Kapitel durchzieht ein makabrer Witz, aber der Clown scheint dabei immer eine Träne zu vergießen. Maddox ist in einer Krise. Als er eines Tages in seinem Laden für Körper- und Leichenteile vor dem Spiegel steht, ist er so deprimiert von seinem Leben, dass er aufgeben möchte. Das ganze übersensible, morbide Geschäft, das Sprechen mit zwei Gebissen in den Händen, hängt ihm zum Hals heraus. Wie ein Deus ex machina erscheint in diesem Moment eine Frau, die vor ihm während eines Dialogs wie in einer Slapstickkomödie, nur mit Worten, einen Striptease hinlegt und ihn völlig unvorbereitet verführt. Sex als Katharsis und Heilmittel möchte man meinen, aber in dieser einfachen körperlichen Begegnung scheint für Maddox die einzige Erlösung zu liegen.

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