Aléa Torik: Das Geräusch des Werdens. Das Kapitel 23 über den Schuhmacher Mărginimes

Schusterjunge

Über die ersten  zweieinhalb Seiten erstreckt sich ein innerer Monolog des Schuhmachers und Bürgermeisters Ioan, der seine Erinnerungen und sich selbst philosophisch betrachtet. Seine fiktiven Äußerungen, der Blick zurück auf sein Leben ergreifen emotional, da können schon mal die Augen leicht zu verschwimmen beginnen. Dabei sind es eher sachliche Feststellungen, die er trifft, aber es ist ein desillusionierter Blick über die eigene Schulter. Der alleinerziehende Vater hat den Verlust seiner Frau Lydija nie wirklich verkraftet, sowenig wie Emil den seiner Tochter Krisztina. Weder sich mit seiner Rolle im Dorf abfinden zu können, noch in der Stadt glücklich zu sein, macht diese Figur im Scheitern und in ihrer Zerrissenheit auch sympathisch. Da gelingt der Wiedererkennungseffekt und die Identifikation beim Leser.

“Ich mache Schuhe. Seit wir hier sind, rede ich auch wieder mehr. Ich habe mich auf die beiden großen Traditionen meiner Familie besonnen. Ich erteile Ratschläge. Zum einfachen Gehen, zu den einzelnen Schritten, die jeder machen muss. Zum Gang des Lebens, den man nur versuchen kann. Meine Kunden glauben, ich sei jemand, der mit beiden Beinen im Leben steht und sein Gleichgewicht gefunden hat. Sie glauben an ein Leben im Gleichgewicht. Dabei ist das Gegenteil wichtig: das Gleichgewicht zu verlieren. Mit dem nächsten Schritt sucht man es dann wieder herzustellen. Das ist alles. Das ist das Leben. Ich selbst verliere es bedauerlicherweise nicht in der Art, wie ich es mir wünsche. Ich finde meinen Ort nicht.”

Sein Nachdenken mündet in das Präsens einer Dialogszene, in der er mit der endlich zurückgekehrten Lydija nach Jahrzehnten wieder gemeinsam vor seinem Laden in der Stadt sitzt, denn er hat Marginime erneut mit seinem Sohn verlassen. Es ist ein entscheidender Brennpunkt, denn Nicolae wird die Kraft aufbringen, weit wegzugehen. Lydija mit ihren hellseherischen Fähigkeiten weiß im Voraus, dass sie ihrem Sohn am nächsten Tag ein Flugticket nach New York zustecken wird. Jetzt aber überredet sie Ioan, einen alten Freund wieder zu treffen. Der wieder nach Rumänien zurückgegangene Valentin führt sein Hotel “Paradies” in der Stadt. Das Kapitel schließt mit ihrem Gespräch. Sie haben sich viel zu erzählen. Der narrative Kunstgriff dieses Gesprächs besteht außer den notwendigen Dialogen darin, begleitend die Gedankenwelt und Sichtweise Ioans mitgeliefert zu bekommen. Quasi die Essenz der Philosophie des Schuhmachers. Seine Fragen an das Leben werden so auch die des Lesers:

“Dass das Leben aus Suchen besteht? Und manchmal auch nur aus dem Suchen nach den richtigen Worten? Was hatte der Großvater immer gesagt: »Der Mensch geht als Ganzes.« Tut er das wirklich? War das früher so? Oder heute? Geht der Mensch heute noch als Ganzes? Läuft er nicht immer nur etwas hinterher, seinen Träumen und seinen Hoffnungen? Läuft er vor der nächsten Enttäuschung davon?… Folgt er seinen Augen oder seinem Herzen? Dies ist vielleicht das, was der Großvater, den die Leute im Dorf für seine Menschenkenntnis schätzten, mit Ganzheit meinte: sich selbst hinterherzugehen oder sich selbst voraus zu sein.”

Die sich jetzt kompositorisch verschränkenden Perspektiven der unterschiedlichen Erzähler auf das beim Leser schon bekannte Geschehen schaffen einen besonderen, zusätzlichen Reiz des Textes. Javier Marìas bezeichnete den Roman einmal treffend als eine “Aufführung mit Figuren und Dialogen”. Die Inszenierung und das Vermischen dieser Hauptbestandteile scheint mir auch hier gut gelungen.

Advertisements