Aléa Torik: Das Geräusch des Werdens. Beim Lesen des 24. Kapitels: “Als sei man nicht älter geworden, sondern immer schon gewesen.”

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Im 24. Kapitel erzählt die mittlerweile fünfzigjährige Liv von sich und ihrer Ehe mit Valentin, der sich nun nach fünfundzwanzig Jahren von ihr trennen will. Der Autorin gelingt es mit Leichtigkeit, sich in die Gefühlswelten der weiblichen oder männlichen Figuren gleich welchen Alters hineinzuversetzen. Liv weiß, dass die Jahre nicht spurlos an ihr vorüber gegangen sind und sie zweifelt an ihrer Attraktivität gerade für Valentin, denn der scheint überhaupt nicht älter zu werden, sondern mit seinem “markanten Gesicht und grau melierten Haaren” noch interessant und jung geblieben zu sein. Der Leser weiß, dass Valentin schon einmal hundertsechzig Seiten vorher Liv zum ersten Mal verlassen wollte. Dabei wird eine Technik des Romans exemplarisch deutlich. Valentins mangelnde Deutschkenntnisse ließen ihn zu Beginn nur eine Art Triptychon aus Worten benutzen, die schon erwähnten “running gags” wie “Was, Saks, Du?” (S. 55!) Diese Sprachbesonderheit lässt ihn bei seinem Wunsch, doch nach Paris zu gehen, beim ersten gescheiterten Versuch Liv zu verlassen, nur ein erstes Wort auf einer Art Abschiedszettel schreiben. Jetzt nimmt die Autorin dieses Wortspiel wieder auf, um daraus ein Bild für Livs Befürchtung zu formen, für Valentin könnten aus dem Ein-Drittel-Wort jetzt Zwei- Drittel-Gründe geworden sein, die ausreichten, sie wirklich zu verlassen. Dieses spielerische Wiederaufgreifen von Bildern und Wortspielen nach hunderten von Seiten, um nicht vom aleatorischen Aspekt zu reden, ist ein überzeugend eingesetztes Stilmittel. Liv hatte sich zu sehr auf ihre berufliche Tätigkeit als Zahnärztin konzentriert und an Nähe zu Valentin und Leonie verloren. Valentin dümpelt unausgefüllt als Hausmann dahin, bis er das Hotel “Paradies” betreibt, das auch einen “zweiten Frühling” für seine Ehe mit sich bringt. Die Worte, mit denen Liv ihre Ehe beschreibt zeugen einmal mehr von Einfühlungsvermögen:

“Wir waren nicht mehr so verrückt aufeinander wie am Anfang. Wir konnten damals gar nicht ohne den anderen, nicht einen Tag. Später wurde daraus eine Art verminderter Leidenschaft, die meinem Naturell eher entsprach als diese großen Ausschläge auf der Skala. Ich empfinde die moderaten Töne viel intensiver als das, was zwar möglicherweise tief in den Raum der Liebe hineinragt, manchmal aber auch einfach nur ins Leere geht.”

Valentin fährt vom gleichen Bahnhof Zoo, wo sie sich auch kennengelernt haben, tatsächlich nach Rumänien zurück und verlässt sie. Von hier brachen sie auch gemeinsam nach Paris auf und kamen mit ihrem Kind zurück. Die folgenden Seiten erzählen von der psychischen Konfusion, in die sie dieser scheinbar endgültige Abschied stürzt. Liv kann sich nicht vorstellen, wie ihre Freundin Grete ihr rät, ihre “Zelte abzubrechen”, ihre ganze Berliner Existenz als Zahnärztin aufzugeben, um ihrem Mann in sein Heimatdorf zu folgen, in dem er all die Jahre nicht einmal Urlaub gemacht hätte.

“Das sind keine Zelte. Wir sind erwachsen geworden, Grete. Das sind erdbebensichere Konstruktionen. Das ist eine ganz spezielle Mischung, die bekommt man nicht hin, wenn man jünger ist.”

entgegnet sie ihr völlig konsterniert. Grete beharrt darauf, dass es, wenn sie Valentin lieben würde, für sie nichts zu verlieren gäbe. Wenn er immer noch der Richtige sei, müsse sie ihm ihre Liebe beweisen. Liv zertrümmert Blumenvasen, weiß nicht ein noch aus, fühlt sich fremd in der eigenen Wohnung, die ohne Valentin nicht mehr die gleiche ist. Als Leser wird man durch einen Erzählprozess geschickt, der ahnen lässt, dass ihr das alles nichts nützen wird, auch die Hoffnung nicht, Valentin könne es sich anders überlegt haben und wie beim ersten Mal wieder auf der Wohnzimmercouch sitzen. Ein zweites ahnt der Leser: dass sich nämlich nun langsam die beiden Schauplätze wie zum Schließen eines Kreises wieder ineinander verschränken werden. Das Leben wird somit, wie das Buch selbst, zumindest in der Fiktion eine runde Sache.

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