Aléa Torik: Das Geräusch des Werdens. “Ein mediterranes Fluidum und in der Ferne das Meer”. Gedanken zum 25. Kapitel.

Max-Liebermann-Strand-und-Meer

An die Ferne des Schwarzen Meeres ihres Heimatlandes kann die Autorin logischerweise bei dem Fluidum nicht gedacht haben. Aber das ist bei diesem Bild auch ganz unwichtig, denn es steht für einen leider immer nur vorübergehenden Zustand menschlicher Existenz: die Verliebtheit.
Fühlen Sie sich bei dem Titel nicht auch von warmer südlicher Luft umgeben und das zu einem Strich am Horizont gewordene Wasser, wie die schwer fassbare Atmosphäre auf einem impressionistischen Gemälde, lässt Sie eine unbestimmte Sehnsucht empfinden? Das wäre die emotionale Seite unserer Sprachrezeption, aber diese schöne, etwas barock anmutende Titelüberschrift lässt sich auch genauer analysieren. Die schon doppelte Alliteration des “M” und “F” steigert sich noch durch die getauschte Platzierung in den beiden mit der Konjunktion “und” verbundenen Satzteilen. Das macht den Satz so geschmeidig. Das “mediterrane Fluidum” steht für das dahinschmelzende und doch verwirrende Gefühl der Protagonistin Leonie und “die Ferne des Meeres” verweist auf die übersteigerte, synästhetische Wahrnehmung des blinden Marijan, mit dem sie schon mehr verbunden ist, als sie selbst ahnt. Die beiden Teile kontrastieren, wie das Paar könnte man meinen, durch unterschiedliche Sprachwahl: die lateinischen Fremdwörter auf der einen und das schlichte Deutsch auf der anderen Seite mögen etwas von der beiden gemeinsamen Anziehungskraft widerspiegeln.
Bei Leonie kommt die sprichwörtliche Blindheit ihrer Verliebtheit doppelt zum Tragen, denn das “Objekt ihrer Begierde” ist wirklich blind. Der kann selbst in Berlin das ferne Meer riechen oder hören und die Galerie, in der er seine Fotos ausstellt, passt zu seinen Fähigkeiten, denn sie heißt “Berlin am Meer.” Man könnte meinen, das Meer wäre eine universale Metapher für die Unendlichkeit und Unerklärbarkeit der Liebe. Leonie ist ihr Gefühlszustand auch ein Brief mit sieben Sigeln.
Das Kapitel knüpft an den Zeitpunkt an, zu dem Leonie Marijan auf seinem Spaziergang in das Fotogeschäft nun endlich wiedertrifft. Jetzt lernen sie sich richtig kennen, küssen sich sogar bereits an diesem Tag vor seiner Wohnung, aber Marijan bleibt sehr passiv und Leonie plagen Zweifel, warum es ausgerechnet ein Blinder sein muss. An ihr Liebesgefühl aber glaubt sie felsenfest. Marijan erzählt ihr vom Tod seiner Mutter, aber über seine Kindheit vor seiner Erblindung und seinen Vater schweigt er. Das Motiv des Meeres wird unerhört intelligent verwoben. Denn als Leonie im Gegenzug von ihren Eltern berichtet, dem Vater, der nach Paris wollte, wo sie auch geboren wurde und von ihrer Mutter, die Küsten und das Meer liebt, wird der Leser subtil an frühere Kapitel erinnert. An die Wortaffinität von Küsten und Küssen und eben an die schon erwähnte Galerie “Berlin am Meer”, in der Marijan erst später seine zum Erzählzeitpunkt noch gar nicht vorhandenen Fotografien ausstellen wird. Das Geflecht oder Netz des Erzählten hält ständig Wiedererkennungspunkte für den Leser bereit.
Leonie ergreift die Initiative. Sie hat eine Woche Urlaub und schlägt vor, Marijan sein “Berlin am Meer” zu zeigen. Sie arbeitet einen regelrechten Tagesausflugsplan aus, was an die Erkundungstour ihrer Pfaueninsel_RachelEltern, Liv und Valentin, zu deren Beginn ihrer Beziehung erinnert. Ähnlich wie das fünfzehnte Kapitel “Der Salon Sucre” lernt der Leser im Folgenden auf den Touren des Paares viele Sehenswürdigkeiten und Eigenheiten Berlins kennen. Die Dichte der Seen im genannten Aufzählungskapitel hat ein anderer Leser bereits dokumentiert. Noch einmal tauchen jetzt die vielen Gewässer Berlins auf wie der Dämeritzsee, der Wannsee, die Pfaueninsel, alle ihre Ausflüge beinhalten das Element Wasser. Sie fahren nach kurzer Eingewöhnung Marijans sogar Tandem, gehen Essen und Shoppen, hören sich Vorträge an. Leonie misslingt logischerweise eine Verführung mit knappem Bikini beim Baden, aber sie weiß, dass sie mehr will, sie will mit Marijan schlafen. Es kann nicht immer nur um seine Blindheit gehen, sie hat auch körperliche, sprich sexuelle Bedürfnisse. Nach mehreren körperlichen Annäherungsversuchen, die alle scheitern, ist Leonie tief verletzt. Nichts geht über das Händchenhalten und Küssen hinaus. Ihre Beziehung steht wie in Schockstarre vor einer unüberwindlichen Wand. Marijan zeigt nicht die geringste Reaktion, bis sie ihn direkt fragt, warum er mit ihr nicht ins Bett gehen wolle. Erst jetzt erzählt er ihr von seiner ersten Liebe Krisztina. Von seinen Schuldgefühlen als sie verschwand und seiner Scham darüber, nicht nach ihr gesucht zu haben. Über diesen Verlust in Zusammenhang mit seiner Erblindung sei er nie hinweggekommen. Er hätte vielleicht Angst, mit ihr das Gleiche zu erleben. Sie trennen sich. Es gibt nichts mehr zu sagen. Leonie aber hält es am siebten Tag nicht länger ohne ihn aus, steht mitten in der Nacht vor seiner Wohnungstür und die Szene endet wie im ersten Kapitel. Die unterdrückte Zärtlichkeit bricht sich unbeholfen auf dem Fußboden seiner Wohnung ihre Bahn.
Erst im vorletzten, aber das ist schon das übernächste Kapitel, werden wir diese erste Phase ihres Kennenlernens aus Marijans Sicht erfahren. Von ihrer Beziehung einmal abgesehen, steigert sich für den Leser im Hintergrund die Spannung, ob das Rätsel Krisztina in den letzten drei Kapiteln noch gelöst wird.

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