Aléa Torik: Das Geräusch des Werdens. Die Leseeindrücke des 27. Kapitels

eisdieleDas 27. Kapitel ist der letzte Teil von Marijans Eröffnungsrede bei seiner Fotoausstellung in der Galerie “Berlin am Meer” und er erzählt am Ende von einem Anfang: seine Version vom Beginn der Liebesbeziehung zu Leonie.
Ich erinnere mich nur an eine einzige Begegnung mit einem Blinden, die schon Jahrzehnte her ist. Damals gab ich einem älteren, blinden Mann einen verschnörkelt gedrechselten Eichenstuhl, um die defekte Sitzfläche wieder neu mit einem feingemusterten Korbgeflecht zu versehen. Es ging eine Art Warmherzigkeit von ihm aus und ich hatte das Gefühl, gerade er könne etwas von mir wahrnehmen, was die Sehenden nicht konnten. Es fühlte sich an, als wäre er zwar blind, aber könne direkt in meine Seele blicken. Vielleicht sieht man etwas von diesem Blick auch auf Marijans Bildern. Dass blinde Augen mehr sehen sollen ist ein Paradox, aber Marijan empfindet ähnlich. Die geschenkte Kamera wird für ihn ein drittes Auge, das er in der Hand hält. Als er Leonie erneut begegnet, trifft ihn Amors Liebespfeil genauso tief wie sie. Etwas von der Leichtigkeit des Humors, den ihr Dialog in der Eisdiele auszeichnet, würde es haben, wenn ich schriebe, es sei auch auf seiner Seite “Liebe auf den ersten Blick” gewesen. Was es natürlich rein physisch, was seine Augen beträfe, nicht sein konnte, in seiner non-visuellen Wahrnehmung vielleicht gerade dadurch umso mehr.
Sie sitzen in der Eisdiele, in der sie beide schon einmal allein waren nun zusammen bei Vanilleeis und Kirschen, erzählen sich vom Gefühl blind zu sein oder als Logopädin zu arbeiten. Der Dialog, von dem Marijan rückblickend in diesem Kapitel erzählt, drückt die Stimmung ihrer Verliebtheit gut aus. Die Leichtigkeit eines Verstehens, das im Grunde gar keine Worte, keinen Blick mehr braucht.  Nur die tastende Berührung  eines Gesichts, das selbstverständliche Ineinandergreifen von Händen, das gemeinsame Erleben, die Hinwendung zum anderen ohne Bedingung. Ob sie über Atmen und Sprechen referiert oder er von seinen Fotografien erzählt, immer sprudelt da ein subtiler Sprachwitz der Autorin durch ihre Zeilen:

“Atmen, Sprechen, Essen und alles mit demselben Organ. Da muss man ja durcheinanderkommen.”

Ihre Liebe wächst in der gemeinsam verbrachten Woche danach und der siebente Morgen ist für Marijan der schönste seines Lebens, was an die alttestamentarische Schöpfungsgeschichte erinnern mag. Sie haben ihre erste gemeinsame Nacht miteinander verbracht. Ein Jahr wird es nun dauern, bis Marijan seine Fotos ausstellt, die keine Objekte zeigen sollen, sondern etwas von dem Raum zwischen den Dingen, vielleicht damit auch etwas von dem Unbegreiflichen ihrer Beziehung.  Marijans Fotovernissage spiegelt geradezu die Situation der Autorin mit ihrem Romandebüt. Sein Zweifel, sein Erfolg, seine Blindheit geben etwas von der artifiziellen Blindheit des Schreibenden gegenüber seinem eigenen Tun wider. Ein Kunstwerk im Roman weist immer auch auf sich selbst zurück, auf das Objekt mit seinen Produktionsbedingungen, in dem es vorkommt. Ein Publikum im Buch ist immer auch sein eigenes. Was für ein schöner letzter Satz, den Marijan deshalb an das Publikum seiner Ausstellung richtet, das auch wir Leser sein könnten und den die Verfasserin genauso gut über ihren Roman gesagt haben könnte:

“Ich hoffe, Sie werden nicht mit einem Wimpernschlag übergehen, wozu ich einen Horizont habe anheben müssen.”

Bis hierher ist dies mein Versuch gewesen, es nicht zu tun.

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